483 5nach6 26.09.2026 Wunderbar gemacht_Riechen Ps 139
Quellen: (1) M.Rüscher, Die Spürnasen vom TÜV Nord, in: Ev. Zeitung 26.07.26, S.4
(2) A.v.Legat, Wie der Weihrauch in die Kirchen kam, a.a.O., S.5
(3) T.Baier, Zwischen Liebe und Zorn, a.a.O., S.5 – alle Zitate kursiv –
Auf meinem Lieblingskuli steht das Psalmwort „Du bist wunderbar gemacht“ (Ps 139, 14), wir haben es gerade gebetet. Im Regelfall nehmen wir unsere wunderbare Verfasstheit, unsere Lebens-Konstruktion unbewusst hin und halten sie für selbstverständlich. Erst, wenn etwas nicht stimmt, nicht funktioniert, dann werden wir unruhig und merken, dass unser „Wunderwerk Körper“ eben keine Selbstverständlichkeit ist.
Martin Luther hat das in seiner Erklärung zum 1. Hauptstück des Glaubensbekenntnisses sehr schön verdeutlicht:
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. - Was ist das?
Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was nottut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, …
Süßlich, muffig, holzig – Gerüche sind schwer zu beschreiben. Manchmal lässt es sich gar nicht in Worte fassen, warum sich die Nase gerade kräuselt. … Als Geruchsgutachter des TÜV wird Thomas Liebich zu Gerichtsverfahren hinzugerufen, in denen Gerüche eine Rolle spielen. „Da wird es dann bedeutsam, dass mit Gerüchen eben auch bestimmte Gefühle verbunden sind“, so Liebich. Gerüche können uns an bestimmte Menschen oder Situationen erinnern, manchmal sogar stärker als Fotos oder Geräusche. (1)
Im Zusammenhang mit Kirche kommt mir beim Stichwort „Riechen“ in den Sinn heißes Kerzenwachs und – in Erinnerung an das überdimensionale Räucherfass im spanischen Pilgerort Santiago de Compostela – natürlich Weihrauch.
Weihrauch? Katholisch! So denken vermutlich viele evangelisch geprägte Menschen … Dabei gehörte Weihrauch keineswegs von Anfang an zur christlichen Gottesdienstfeier, im Gegenteil: Theologen der ersten nachchristlichen Jahrhunderte lehnten ihn als Bestandteil der Liturgie ab, weil er in anderen, sog. heidnischen Religionen, zur Götterverehrung genutzt wurde. Der Duft, den wir heute also mit feierlichen Messen verbinden, hat sich erst allmählich in christlichen Kirchen verbreitet. … Weihrauch wird aus dem Harz des Weihrauchbaumes gewonnen, … der vor allem im Süden der arabischen Halbinsel wächst. … Bereits in den ägyptischen Kulturen ab etwa 4000 v. Chr. wurde er für kultische Zwecke und zur Mumifizierung genutzt … Neben seinem Duft wurde das Harz wegen seiner desinfizierenden und entzündungshemmenden Wirkung geschätzt. (2)
Das war auch der praktische Grund für den überwältigenden Einsatz in der Kathedrale von Santiago de Compostela. Hunderte von ungewaschenen, von Wunden und Infekten geplagte Pilger kamen dort zusammen – alles Weitere überlasse ich unserer Phantasie!
Ab etwa 540 v.Chr. waren tägliche Rauchopfer aber auch fester Bestandteil des jüdischen Tempelkultes in Jerusalem. … In christlichen Gottesdiensten findet sich der Weihrauch seit dem 4. Jhdt. n.Chr. … Die evangelischen Reformatoren lehnten Weihrauch nicht direkt ab, für sie war er aber eine Nebensächlichkeit. (2)
Warum überhaupt Rauch im Gottesdienst? Wie beim „Vater unser im Himmel“ steckt dahinter das antike Weltbild. Der Himmel galt als Wohnsitz Gottes und aufsteigender Rauch war ein wirkmächtiges Sinnbild für eine „Kontaktaufnahme“ der Gläubigen mit ihrem Gott.
Da nahm Gott, der Herr, Staub von der Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase. So wurde der Mensch ein lebendes Wesen.“ So heißt es im 1Mose 2. … Die Nase ist nach der biblischen Schöpfungserzählung das Einfallstor des göttlichen Geistes, der den Menschen zum lebendigen Wesen macht. …
Als Sitz des Geruchsinns ist die Nase in der Bibel sowohl wichtiges Sinnesorgan des Menschen wie auch seines Schöpfers. So wird immer wieder davon gesprochen, dass sich der Gott Israels ebenso wie andere altorientalische Götter „am lieblichen Duft der Opfer erfreut … Oder Gott wendet sich angeekelt ab vom Geruch der Brandopfer wie im Buch des Propheten Amos im 5. Kapitel. Dort heißt es:
21Ich hasse, ja, ich verabscheue eure Feste, und eure Gottesdienste mag ich nicht riechen – 22auch wenn ihr mir Brandopfer darbringt. (Amos 5,21f)
Die Beziehungsstörung zwischen Gott und den Israeliten liegt förmlich in der Luft, Gott kann sein Volk nicht mehr riechen, denn die frommen gottesdienstlichen Rituale stehen im Widerspruch zu dem lieblosen Umgang der Menschen untereinander.
Gelingende Beziehung oder Beziehungsstörung – das geht tatsächlich zu einem erheblichen Teil zunächst über den Geruch und eben die Nase. Wir geben sog. Pheromone ab, das sind Botenstoffe, die Informationen von Mensch zu Mensch übertragen und durch den Nasenraum aufgenommen werden. Pheromone haben Einfluss auf Sexualverhalten, Sympathie und Antipathie und soziale Kontakte. Kein Wunder, dass Menschen sich bei einer ersten Begegnung erst einmal „beschnuppern“ müssen. Wenn ich also jemanden gut oder nicht riechen kann, dann ist das nicht nur eine Frage von Parfüm oder Rasierwasser, da geschieht biologisch etwas Entscheidendes.
Will ich ein Thema erforschen, „stecke ich meine Nase hinein“. Will ich es anschließend für jemanden bedeutsam machen, weil es wirklich wichtig ist und ich den „richtigen Riecher hatte“, dann „stoße ich ihn mit der Nase drauf“ oder „binde es ihm auf“ selbige.
Und wenn ich jemanden betrügen oder verwirren möchte, „führe ich ihn an der Nase herum“. Wenn der andere allerdings „den Braten riecht“, merkt, dass alles „erstunken und erlogen ist“, werde ich mit meinem Plan „auf die Nase fallen“.
Ärgert mich jemand, „tanzt mir gar auf der Nase herum“ oder nervt mich etwas, dann „stinkt das zum Himmel“ und ich „habe die Nase gestrichen voll“. Die Nervensäge kann dann getrost „verduften“.
Die Nase, das unterschätzte Organ, würde ich mal sagen!
Der jüdische Philosoph Friedrich Weinreb weist auf den Zusammenhang der Worte für Geist und Duft in der hebräischen Bibel hin. In der Ruach als Wort für Geist liegt auch die Bedeutung für Geruch und Duft. Geist und Duft können den Raum auf besondere Weise füllen. Beide verduften aber auch sehr leicht. Für mich ist das ist eine wunderbare Vorstellung: Der Geist, den du nicht sehen kannst ist wie ein Duft, ein Hauch, der die Atmosphäre eines Raums, einer Zeit verändert.
Der Philosoph Byung-Chul Han schreibt: … Gerade der Duft eines Menschen … spiegelt etwas von unserer Verfassung wider. Kranke riechen anders als Gesunde. Die mir vertrauten Menschen kann ich gut riechen. Manchmal kann man bei einem Menschen erschnuppern, von was für einem Geist er gerade umweht ist. … Unruhe und Außer-Sich-Sein, macht den Magen nervös und bringt schlechten Geruch hervor. Wenn ich froh aus dem Garten oder von einer Wanderung komme, sagt meine Frau, dann duftet meine Haut Sonne und Wind. Bei Hildegard von Bingen fand ich in einem Gebet einen schönen Gedanken über den Geist Gottes: “Du hauchst in die Herzen den Wohlgeruch deiner Kräfte“ (aus: www.Der duftende Geist Jesu)
Man kann sogar mit Gerüchen, sozusagen immer der Nase nach, durch das Kirchenjahr gehen! Der Aachener Diakon Markus Offner schreibt (www.Vom Duft des Glaubens):
Und das sind die vier Düfte, die in Bochum von Forschenden in Sachen Theologie zusammen mit Forschenden in Sachen Duft für die großen Feste entwickelt wurden:
Weihnachten. Weihnachten ist das Fest der Düfte. Zimt und Tannenduft liegt in der Luft, Mandarine und Marzipan. Gefeiert wird, dass ein kleiner Mensch geboren wird, der für viele ein ganz Großer war. Ein typischer Duft dafür ist Vanille. Vanille ist nämlich der Lockstoff der Muttermilch für alle Menschen und Säugetiere. Gefeiert wird, dass ein kleiner Mensch eine Mutter hat, dass er Nahrung findet, wachsen und leben kann. - Vanille als Duft des Wachsens.
Im Frühling dann das Osterfest. Das Fest des Durchbruchs. Die braune, erdige Natur wird grün. Gefeiert wird der Durchbruch vom Tod zum Leben. … Bäume und Pflanzen bringen duftende Blüten hervor: Jasmin, Magnolie, Maiglöckchen als Duft neuen, veränderten Lebens.
Wenn das Jahr in voller Kraft steht folgt das Pfingstfest. Zur Kraft und dem Geruch von Erde, Wasser, Wind und Feuer kommt die Kraft des Geistes hinzu. Das Wehen des Geistes riecht wie eine Sommerbrise, die kraftvoll Wind unter unsere manchmal lahmen Flügel wehen will.
Im Kirchenjahr kommt dann bis zum nächsten Advent noch eine lange Strecke, der Alltag, manchmal als Fest des Gewohnten. Duftmäßig stinkt einem vielleicht manches, anderes duftet weiter, aber nicht mehr so intensiv. Im Alltag soll der Sinn für die Schönheit nicht verloren gehen, das was die Feste versprechen, muss sich im Alltag bewähren.
Glauben und Leben geht also offensichtlich nur mit allen Sinnen und dabei steht der Geruchssinn zu Unrecht ein bisschen im Abseits. Ich kann Sie nur einladen, den Duft ihres Lebens zu entdecken, die Geruchsspur, die ihnen Horizonte öffnet, Glück verheißt, Erinnerungen weckt und sie zu Menschen führt, die sie gut riechen können.
Der Apostel Paulus … fragt in einem Brief an die Gemeinde in Korinth:
„Wenn der ganze Leib nur Auge wäre, wo bliebe dann das Gehör? Wenn er nur Gehör wäre, wo bliebe dann der Geruchssinn?“ (1 Kor 12,17)
Also, schon Paulus wusste, den richtigen Riecher zu haben, kann den Unterschied machen. Vielleicht sollten wir das wieder neu lernen, unsere Sinne zu schärfen, uns auf die eigene Nase zu verlassen, uns den Wind des Lebens um die Nase wehen zu lassen, immer der eigenen Nase nach.
Im zweiten Brief des Paulus an die Gemeinde in Korinth findet sich die überraschende Formulierung:
„Wir sind Christi Wohlgeruch für Gott … Lebensduft, der Leben verheißt.“ (2 Kor 2,15)
Das ist doch mal ein herausforderndes Programm für die Christinnen und Christen: So zu leben, dass andere an ihnen etwas von Gottes Liebe zu allen Menschen schmecken und riechen können; Lebensduft zu verbreiten, der nach Freude, Liebe und Leben riecht, nicht nur nach Weihrauch.
Gebet:
Gott, schenke uns Achtsamkeit für unsere Nase, für unseren Geruchssinn!
Dass wir uns nach deinem Willen so verhalten, dass andere uns gut riechen mögen.
Dass unsere Liebe zu dir und zu unserem Nächsten und zu dir aufsteige wie ein Rauchopfer zu alter Zeit.