461 5nach6_06.03.26_7 Wochen mit Gefühl_Weite Ps 31
Quellen: (1) Evangelische Verlagsanstalt (Hg.), Frank Muchlinsky – Mit Gefühl, 7 Wochen ohne Härte, Fastenbrief 2, Leipzig, 25.02.2026 (Zitate kursiv)
(2) R.Meister, Mit Weite, in: ders., Mit Gefühl, Leipzig, 2025, S.31ff
(3) N.Petersen, Dein weiter Raum ist unsere Freiheit, in: R.Meister, Mit Gefühl, Leipzig, 2025, S.45
(4) Vertraut den neuen Wegen (EG 395) (15.02.2015) • SWR2 / SWR Kultur Lied zum Sonntag • Alle Beiträge • Kirche im SWR
Die evangelische Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ schlägt in diesem Jahr vor, auf Härte zu verzichten und stattdessen „mit Gefühl“ vorzugehen.
Die vergangene Woche stand unter dem Stichwort „Weite“ und bezog sich auf Ps 31, 8f:
Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst
und kennst die Not meiner Seele
und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes;
du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Der Theologe Frank Muchlinsky, Verfasser der Fastenbriefe im Rahmen der Fastenaktion, vertritt die Auffassung, dass es nichts gibt, was der Bibel fremd wäre, … Was uns Menschen und unser Leben ausmacht, was uns beschäftigt, was uns Angst macht und erfreut – alles findet sich in diesem Buch. Komprimiert wird diese unglaubliche Vielfalt in den Psalmen. Da wird gebangt und gefleht, gejubelt, verzweifelt und gehofft. Häufig passiert all das in einem einzigen Psalm. Der 31. Psalm ist so einer, in dem auf Dankbarkeit direkt ein Hilfeschrei folgt. Die Gefühle, die in den Psalmen benannt werden, sind zum Teil so heftig, dass sie uns beim bloßen Lesen erschrecken können …
Oft werden Empfindungen in den Psalmen mit sprachlichen Bildern ausgedrückt. Die machen die Gefühle teils noch größer. Wenn jemand nicht einfach sagt, ich fühle mich vergessen, sondern „Ich bin vergessen wie ein Toter“ (Vers 13), dann klingt das besonders dramatisch. Aus „Ich fühle mich nutzlos und kaputt“ wird „Ich bin wie ein zerbrochenes Gefäß“ (ebenfalls Vers 13). Diese Bilder rühren in uns noch mehr an als präzise benannte Gefühle. Das gilt auch für bildstarke angenehme Gefühle: „Du bist mein Fels und meine Burg“ (Vers 4). …
In diesem Zusammenhang sehe ich auch den obigen Vers:
Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst
und kennst die Not meiner Seele
und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes;
du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Sieben Wochen mit Gefühl. Das soll in dieser Woche bedeuten: Erlauben Sie sich, Ihre Gefühle wahrzunehmen in all ihrer Vielfalt! … Spüren Sie in sich hinein und merken Sie, welches Gefühl Sie gerade in Ihrer Seele, in Ihrem Körper entdecken können. Vielleicht sind es auch mehrere. … (1)
Sorgenvolle Gedanken und Gefühle, verursachen mir Beklemmungen. Es wird eng in meiner Brust. Das Wort „Angst“ kommt genau daher, nämlich wenn es eng wird um mein Herz herum. Wenn ich von meinen Gefühlen und Gedanken, gerade auch den sorgenvollen, erzählen kann, wird meine Angst weniger. Ich sehe ein wenig (oder immer mehr) von meiner Angst ab, ich spüre Weite, sehe einen erweiterten Raum, der mir vielleicht die eine oder andere Möglichkeit eröffnet, die ich vor her nicht gesehen habe. Ich finde mich auf einem weiten Raum wieder.
Wann haben Sie das Gefühl, dass Ihre Füße auf einen weiten Raum gestellt sind? Wenn Sie vom Weinberg auf den Ambergau hinabschauen? Am Freitagabend oder Samstagmorgen, wenn das Wochenende vor Ihnen liegt? Zu Beginn des Urlaubs?
Ich fürchte solche „Gipfelaussichten“ sind eher selten. Das Leben spielt sich in den Niederungen ab. Die Sicht reicht kaum weiter als bis zu den aktuellen Pflichten, den Punkten auf der To-do-Liste.
Das Besondere des Psalmwortes ist, dass es den Gipfel des Glücks mit dem „Elend“ in den Tiefen des Alltags verbindet. Das Wort vom Elend ist umfangen von Räumen des Glücks und der Freiheit.
Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst
und kennst die Not meiner Seele
und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes;
du stellst meine Füße auf weiten Raum.
Wir kennen das auch aus Ps 23: Der gute Hirte sorgt dafür, dass dem Beter „nichts mangelt“. Dennoch kennt der Psalm auch die „finsteren Täler“ und die „Feinde“. Aber am „Bleiben im Hause des Herrn“ ändert das nichts!
Die Zusage aus der Bibelzerreißt jede Raum- und Zeitbeschränkung, jede beengende Verängstigung durch Probleme, Zweifel, Sorgen.
Dem Psalmbeter ist es wichtig, dass er sich nicht selbst, sondern dass Gott ihn in den weiten Raum stellt. … Unser Leben hält jeden Tag Augenblicke der Freude bereit, die wir häufig übersehen und geringachten. Und diesen Momenten der Schönheit des Lebens … folgt das Zutrauen in eine Welt, die vor mir liegt. Die Aussicht darauf mag durch Vieles verstellt sein, aber Glaube erkennt neue Möglichkeiten. Er speist sich aus gelungenen Erfahrungen mit Gott.
Er weitet den Blick. Schließlich sogar über den Tod hinaus. Udo Lindenberg hat es besungen: Hinterm Horizont geht’s weiter!
Und vorher?
Was ist mir schon alles geschenkt worden! Das Lachen der Kinder, der Aufgang der Sonne, die zahllosen kleinen Gesten der Liebe anderer Menschen.
Erinnern Sie sich an den Bauern, von dem ich schon mehrmals erzählt habe:
Jedes Mal, wenn ein Bauer tagsüber etwas Schönes erlebt – einen Glücksmoment, ein Lächeln, den Gesang eines Vogels oder ein nettes Gespräch – nimmt er eine Bohne aus der linken Tasche und steckt sie in die rechte.
Am Abend zählt er die Bohnen in der rechten Tasche und erinnert sich dabei bewusst an die positiven Erlebnisse.
Durch dieses Ritual wird man achtsamer für die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen, und schläft zufriedener ein.
Gott traut mir etwas zu. Er traut jedem Menschen etwas zu. Er schenkt allen eigene Füße, so dass wir nicht auf geliehenen Füßen, auf Krücken seinen weiten Raum betreten müssen.
Immer wieder tut Gott es. Jedem Menschen öffnet er die Freiheit, da macht er keine Unterschiede. Jedem Menschen traut er etwas zu und öffnet den weiten Raum … (3)
Gott ist nicht nur der Wegbegleiter, den wir vom Auszug der Israeliten aus Ägypten, er ist auch der, der Wege eröffnet.
Er bietet dem Brudermörder Kain die Chance eines Neuanfangs.
Er teilt das Rote Meer, damit die Israeliten vor den ägyptischen Soldaten fliehen können.
Und nicht minder Jesus.
„Nimm dein Bett und geh“, sagt er dem Lahmen.
„Ich will dich nicht verurteilen“, so öffnet er der Ehebrecherin einen Weg ins Leben.
Und es hört nicht auf … Im August 1989, wenige Wochen vor der Maueröffnung schreibt Klaus Peter Hertzsch neue Verse für seine Patentochter. Zu ihrer Hochzeit in Eisenach.
1. Vertraut den neuen Wegen,
auf die der Herr uns weist,
weil Leben heißt: sich regen,
weil Leben wandern heißt.
Seit leuchtend Gottes Bogen
am hohen Himmel stand,
sind Menschen ausgezogen
in das gelobte Land.
1989. Aufbruch in eine neue Freiheit verheißt das neue Lied, und ermutigt loszugehen.
2. Vertraut den neuen Wegen
und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen
für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten
das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten,
wo er uns will und braucht.
Der Text von Klaus Peter Hertzsch ist viel zuversichtlicher als ich es bin. Aber ich kann meinen kleineren Glauben an seine Worte andocken. Ihn auffüllen mit den Glaubenserfahrungen, die Generationen von Menschen immer weder gemacht haben: Gott geht mit in die Zukunft. Angst nagt an meiner Seele, aber Vertrauen überwindet Angst.
3. Vertraut den neuen Wegen,
auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen.
Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen
in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen.
Das Land ist hell und weit.
(4)