Freitags 5nach6 - Vaterunser 3

07. August 2026

478 5nach6 07.08.2026 Vaterunser 3 3. und 4. Bitte                     Ps 27

Vor einiger Zeit kam es zu folgendem Wortwechsel zwischen unserem Enkel Jozef und mir. Aus irgendeinem Grund war ich gefühlsmäßig etwas aufgemischt und rief aus: „Meine Güte!“ Jozef streitet mit seinem kleinen Bruder Paul bisweilen darum, wem was gehört, wer als erster etwas darf oder wer das Meiste bekommt. Oft beharrt jeder auf seinem Anspruch und sie rufen sich gegenseitig zu: „Meins!“ „Nein, meins!“ Jozef hatte wohl den Eindruck, dass sein Opa ihm nun auch noch etwas streitig machen wollte, und rief: „Nein, meine Güte!“

Ersetzen wir das Wort „Güte“ durch „Wille“, dann sind wir mittendrin im Nachdenken über die dritte Bitte des Vaterunsers:  Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.

Im Grunde sind wir doch gestrickt wie Jozef in der Auseinandersetzung mit Paul! Meins! Und „mein Wille geschehe!“

Der Theologe Friedr. Brandi schreibt (Um Gottes Willen, In: Ev. Zeitung 31.05.26, S.16):

Den Willen Gottes, von dem in der Bibel – sehr weise – nur vage gesprochen wird, gilt es anzunehmen als so etwas wie eine übergeordnete Ordnung, die uns Erdenwesen in die Schranken weist. Der Wille Gottes macht uns bewusst: Nicht wir sind die Herren der Welt, sondern da gibt es noch etwas, das mehr ist, als wir begreifen können … Schließlich sind mein Wille und meine Fähigkeiten begrenzt … Wenn vom Willen Gottes die Rede ist, geht es nicht darum, was Gott vorhaben könnte, sondern es geht … um die Erkenntnis, dass wir nicht alles, was wir wollen, umsetzen können.

Für Luther war die Frage „Mein Wille oder Gottes Wille?“ genau dies nicht, nämlich keine Frage. Natürlich Gottes Wille! Und den umreißt er in seinem Kleinen Katechismus so:

Gottes guter, gnädiger Wille geschieht auch ohne unser Gebet; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er auch bei uns geschehe. - Wie geschieht das? Wenn Gott allen bösen Rat und Willen bricht und hindert, die uns den Namen Gottes nicht heiligen und sein Reich nicht kommen lassen wollen, …; sondern (indem er) uns stärkt und fest behält in seinem Wort und Glauben bis an unser Ende. Das ist sein gnädiger, guter Wille.

Sie fühlen sich damit wie eine Marionette, die am Faden dieses unverfügbaren Willen Gottes hängt? Ein moderner, nachvollziehbarer Einwand!

Der Theologe Stephan Bitter nimmt dieses Gefühl auf und schreibt (S.Bitter, Vaterunser, in: N.Dennerlein u.a. (Hg), Evangelische Glaubensfibel, Gütersloh, 2006, S.45)

„Dein Wille geschehe“, das findet sich wörtlich wieder in Jesu Gethsemane-Gebet (Mt 26,42). Jesus bittet damit zugleich „um die Kraft, sich selber aktiv diesem Willen Gottes zuzuordnen (Ulrich Luz).“

Hier kommt ein neues Element ins Spiel, dass die nachlassende Bedeutung von Religion und Glaube bedenkt. Hier geht es nicht um eine unbedachte Unterordnung unter den Willen Gottes, sondern um eine überzeugte, auf einer Entscheidung beruhenden Zuordnung. Das ist schon etwas Anderes …

Die vierte Bitte: Unser tägliches Brot gib uns heute. Die Frage ist, wovon wir leben.

Völlig illusionslos – und nicht ganz ohne Bezug zu unserer heutigen gesellschaftlichen Wirklichkeit – hören wir in B.Brechts „Dreigroschenoper“

Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frisst.
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.

 

Chor:
Ihr Herren, bildet euch nur da nichts ein:
Der Mensch lebt nur von Missetat allein!

Das eine wisset ein für allemal:
Wie ihr es immer dreht und wie ihr's immer schiebt:
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Erst muss es möglich sein auch armen Leuten,
Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.

 

Oje.

Jesus ist eindeutig – und geht über das klassische Denken in Lebensmitteln hinaus: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.« (4,4)

Martin Luther wird in seinem Kleinen Katechismus überdeutlich – und modern!

Was heißt denn tägliches Brot? Alles, was nottut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.

Neben den materiellen Dingen nimmt Luther gelingende Beziehungen, politische Herrschaftsverhältnisse und nicht einmal das Wetter aus, obwohl er vom Klimawandel noch nichts ahnen konnte. Diese Erklärung scheint brandaktuell!

Gerd Theißen übernimmt das in seinen Katechismus und führt es fort (G.Theißen, Glaubenssätze, Gütersloh, 2012, S.189):

„Unser täglich Brot gib uns heute. Genau übersetzt heißt es: ‚Gib uns schon heute unser Brot für morgen.‘ Wir bitten um mehr, als nicht zu verhungern, wir bitten um ein Leben ohne Angst vorm Verhungern am nächsten Tag. Brot ist knapp in der Welt. Lebensgüter sind begrenzt. Im Verteilungskampf herrscht Misstrauen, es sei nicht genug für alle da. Daher müsse einer dem anderen wegnehmen, was der andere selber braucht. Wir leben auf Kosten anderer Menschen und durch Verdrängung anderer Lebewesen. Heute verzehren wir das Brot für übermorgen. Heute plündern wir den Planeten, so dass die nach uns Lebenden fürchten müssen, nicht mehr viel zu finden. Aber auch die Hungrigen neben uns lassen wir leer ausgehen.“

Ich finde es sehr spannend, welche Themen hinter der Bitte um das tägliche Brot stecken, wenn man die Begriffserweiterungen von Jesus, Luther und schließlich Gerd Theißen ernst nimmt. Dann landen wir unversehens bei Regierungen, die sich der Nöte des Volkes nicht annehmen, beim Klimawandel, bei örtlichen und weltweiten Verteilungskämpfen, Überforderung unseres Planeten durch uns, Artenvielfalt, Arm und Reich …

Der in dieser kleinen Serie gern von mir zitierte Theologe Friedrich Brandi weist noch auf einen anderen Aspekt hin (Bitten und Empfangen, in: Ev. Zeitung, 21.06.2026, S.16):

„Wir versuchen zwar, Glücksschmied unserer selbst zu sein, aber dabei verheddern wir uns viel zu oft in Egoismus, Leistungsdenken und Karriereplanung oder streben nach Reichtum, Jugend und dauerhaftem Glück. Und je mehr wir danach streben, desto verkniffener und angestrengter, vielleicht sogar verzweifelter wird unser Lebensentwurf, weil wir natürlich niemals dahin kommen, wo alle unsere Wünsche erfüllt werden.

Die vierte Bitte des Vaterunser sagt uns: Erst wenn ihr bittet, wird euch (möglicherweise) gegeben; nur wenn ihr anfangt zu suchen, könnt ihr überhaupt finden. Unser Leben ist nicht machbar, schon gar nicht sind wir Menschen selbst in der Lage, unser Lebensglück selbst und allein herzustellen. Vielmehr sind wir auch darauf angewiesen, dass es uns gegeben wird.

Was wir vor allem in unserer Zeit … immer wieder neu lernen müssen, ist, eine Haltung des Empfangens zu entwickeln.  … Wir nehmen irgendwie alles hin, aber dabei haben wir die Selbstverständlichkeit zu bitten verloren. Gerade deswegen ist die Bitte ‚unser tägliches Brot gib uns heute“ immer wieder neu zu beten.“

Eine Seniorengruppe formulierte ähnlich wie Martin Luther Einschübe zwischen die Zeilen des Vaterunser: auf dieser Grundlage folgendermaßen:

I. Vater unser im Himmel II. Wir wissen, Gott ist ewiger Vater und ewige Mutter; wir sind Kinder und dürfen getrost und mit Zuversicht bitten.
I. Geheiligt werde dein Name. II. Wir bitten um Kraft, Gottes Liebe nicht zu missbrauchen.
I. Dein Reich komme. II. Wir sehnen uns nach Freiheit von der Gewalt des Bösen.
I. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. II. Gott hat die Kraft, alles Böse zu zerbrechen und zu verhindern; dass wir mit ihm gemeinsame Sache machen, ist sein Wille.
I. Unser tägliches Brot gib uns heute. II. Wir erkennen, dass wir alle Gaben von ihm haben und sind dankbar dafür.
I. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
II. Wenn Gott uns strafen wollte, würden wir täglich Strafe verdienen; doch er liebt uns bedingungslos; so wollen wir auch zu denen gut sein, die uns Böses tun.
I. Und führe uns nicht in Versuchung. II. Wir bitten um Kraft und Stärke, damit wir uns nicht wegreißen lassen von der Nähe zu Gott.
I. Sondern erlöse uns von dem Bösen. II. Aber er soll uns wegreißen von allem, was uns schadet.
I. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
II. Wir sind gewiss, Gott hört unsere Bitten; denn er selbst hat uns aufgefordert so zu beten. Amen, Amen, das heißt: Ja, ja, so soll es geschehen.

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