468_5nach6_15.05.2026_Kirche – und ich Ps
Wir steuern ja auf Pfingsten zu! Dieses Fest gilt auch als „Geburtstag der Kirche“. Warum, das ist eine gesonderte Betrachtung wert. Erstmal möchte ich mir mit Ihnen das Geburtstagskind etwas näher anschauen.
Kirche – was ist das?
Meine Frau und ich sitzen im Auto, um zu 5nach6 zu fahren. Meine Frau fragt: „Hast du den Schlüssel für die Kirche?“
Wir sitzen abends in der Stube. Mein Handy pingt. Eine WhatsApp-Nachricht. Meine Frau fragt: „Na, wieder Kirche?“
In der Zeitung lese ich die Überschrift „Wie die Kirche ihren Auftrag in und für die Gesellschaft erfüllen kann“ (EZ, 03.05.26, S.15).
Dreimal das Wort „Kirche“, aber mit einer einzigen Erklärung kommen wir da nicht weit.
Beispiel 1 ist einfach. Kirche ist ein Gebäude, in dem Kirchenmitglieder sich treffen zu Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen. (Vielleicht sollten wir auch mal den Ablauf so eines Gottesdienstes näher betrachten.) Um da hineinzukommen, braucht man natürlich einen Schlüssel.
Wobei – wäre es nicht gut, wenn Kirche immer offen wäre? Manche Menschen schätzen eine Kirche als einen besonderen Rückzugsort, um für sich und mit Gott allein zu sein. (Es könnte sich lohnen, dieses besondere Gebäude einmal genauer zu erkunden – wie in einem Geländespiel.) Ja, schon, aber leider haben wir mit offener Kirche schlechte Erfahrungen gemacht. Nicht alle bringen diesem besonderen Gebäude den gebührenden Respekt entgegen.
Beispiel 2 – die WhatsApp-Nachricht. Was für eine Kirche steckt dahinter? Kirche ist eine Organisation wie ein Verein. Es gibt einen Vorstand und eine Geschäftsstelle, das Gemeindebüro in Bockenem. Und diese Kirche macht Arbeit – für Ehrenamtliche im Kirchenvorstand, für diejenigen, die den Seniorenkreis betreuen u.v.a.m.
Kirche macht aber nicht nur Arbeit, sie gibt auch Arbeit! Sie ist einer der größten Arbeitgeber in Deutschland. Das fängt an mit unserer Küsterin, unserem Friedhofsgärtner, unserer Gemeindesekretärin, unserem Diakon (u.a. für den Konfirmandenunterricht) und unserem Pastor – wenn wir ihn irgendwann bekommen. Dann gibt es die kirchliche „Hauptverwaltung“, das Kirchenamt in Hildesheim, und jede Menge Kindergärten, Beratungsstellen, Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime. Diese Einrichtungen zählen zur Diakonie, zur Hilfe für Menschen in schwierigen Lebenslagen.
Kirche ist organisiert wie die politischen Gemeinden, die zu Landkreisen, Bundesländern und schließlich zum Staat BRD gehören. Mehrere Kirchengemeinden bilden einen Kirchenkreis, mehrere Kirchenkreise einen Sprengel, mehrere Kirchenkreise eine Landeskirche. Die Ev. luth. Kirchengemeinde Bockenem-Königsdahlum gehört zum Kirchenkreis Hildesheimer Land – Alfeld (mit einem Superintendenten als Leiter), der gehört zum Sprengel Hildesheim-Göttingen und der wiederum zur Landeskirche Hannover. Sprengel und Landeskirchen werden von einem (Regional)Bischof geleitet.
Und Beispiel 3? „In der Zeitung lese ich die Überschrift „Wie die Kirche ihren Auftrag in und für die Gesellschaft erfüllen kann“ (EZ, 03.05.26, S.15).
Wenn sich Kirche so allgemein zu bestimmten Fragen äußert, dann geschieht das meistens auf der Ebene einer Landeskirche oder im Rahmen einer „Arbeitsgemeinschaft“ der Landeskirchen, das ist die EKD, die Ev. Kirche in Deutschland.
Und schließlich hat sich die weltweite Christenheit mit all ihren Unterschieden im Ökumenischen Rat der Kirchen organisiert.
Dabei ist die ev. Kirche recht demokratisch verfasst. Auf jeder Ebene gibt es gewählte Vertreter/innen, die erhebliche (Mit)Entscheidungsrechte haben.
In unserer Kirchengemeinde entscheidet nicht etwa der Pastor allein, wofür Geld ausgegeben wird und was in der Gemeinde geschehen soll. Das entscheidet der Kirchenvorstand, in dem der Pastor eines von mehreren Mitgliedern ist.
Und wie wird man Mitglied dieser Kirche?
Durch die Taufe. In der Taufe wird „offensichtlich“, also für alle sichtbar deutlich: Gott liebt dieses Kind. Das ist wie ein Geschenk, dafür muss man nichts tun. Das ist sozusagen gratis. Das passt auch gut, denn „gratis“ hängt zusammen mit dem lateinischen Wort „gratia“ – und das heißt Gnade. Gott bekennt sich zu diesem Kind, so wie es ist, ohne dass es etwas dafür tun kann oder muss. Dieses Bekenntnis Gottes zu dem getauften Menschen gilt ein Leben lang. Die Taufe ist „unvergänglich“, auch wenn der Mensch später aus der Kirche austritt oder von Gott nichts (mehr) wissen will.
Früher war das alles kein Problem. Die Säuglingssterblichkeit war hoch, Kirche war normal und eben auch die Taufe. Schon kurz nach der Geburt wurde früher getauft. Heute ist das anders geworden. In der Kirche zu sein, ist nicht mehr so normal. Und ein Kind zu taufen, das wird auch gründlich bedacht.
Manche sagen: „Ob mein Kind etwas mit Kirche zu tun haben will, soll es selbst entscheiden. Wir lassen es nicht taufen.“
Hm, wenn die Taufe ein Geschenk Gottes ist, dann enthält man dem Kind das Geschenk Gottes vor. Ob das Kind von sich aus etwas mit Gott und Kirche zu tun haben will, kann auch das getaufte Kind entscheiden – bei der Konfirmation. Dass Gott etwas mit dem Kind zu tun haben will, steht fest. Unverrückbar.
Mädchen bekamen früher zur Taufe schon das erste Teil für den späteren Haushalt – Besteck oder Sammelgeschirr. Da konnte es auch nichts entscheiden. Später hat es sich darüber gefreut oder doch ein anderes Geschirr ausgesucht.
Und wie geht das weiter mit der Mitgliedschaft in der Kirche – nach der Taufe?
Das ist ähnlich wie mit dem SV Ambergau Bockenem.
Die allermeisten Bockenemer wissen, dass man in Bockenem Fußball spielen kann – genauso wie sie wissen, dass es hier Kirchen gibt. Sie sind ja nicht zu übersehen.
Vielen ist beides völlig egal.
Dann gibt es die Menschen, die schon mal in die Zeitung oder im Internet schauen, was bei den 1. Herren des SV Ambergau oder was eben in der Kirche so los ist. Manchmal gehen sie auch hin – zum Spiel oder zum Gottesdienst.
Schließlich kennen wir auch echte Fans! Bei jedem Spiel und fast jedem Gottesdienst oder anderen kirchlichen Veranstaltung sind sie dabei.
Und dann haben wir die Teams, die sich engagieren. Beim Fußball ist das die Mannschaft, klar, in unserer Kirchengemeinde sind es diejenigen, die sich beruflich für die Gemeinde einsetzen oder dies ehrenamtlich tun.
Natürlich hat die Fußballmannschaft auch ein Trainer- und Betreuerteam, das sich Rat holt z.B. in dem Buch von Fabian Seeger, Spielnahes Fußballtraining: 350 Trainingsformen für alle Leistungsstufen.
Hat die Gemeinde auch. Unser Trainerteam stellen wir z.B. zu Beginn der Andacht vor:
Wir sind nicht allein. Wir sind verbunden
- mit Gott, in dem alles Leben und Sterben gut aufgehoben ist
- mit Jesus Christus, der Leben und Liebe zusammengebracht hat
- mit dem Heiligen Geist, in dem Gott uns nahe bleibt.
Und unsere Handbücher sind in erster Linie Bibel und Gesangbuch.
Und dann das Training.
Die Fußballspieler trainieren 2–3-mal in der Woche. Je nach dem, wieviel Mühe sie sich dabei geben, werden sie fitter, laufen sie schneller, werden zweikampfstärker und schießen erfolgreicher aufs Tor, lernen sie, verschiedene Taktiken erfolgreich anzuwenden.
Und die Kirchenmitglieder? Gottesdienste und andere Veranstaltungen kann man schon als Trainings bezeichnen. Dabei geht es vor allem geistige Fitness, aber auch um Erholung. Doch Trainings können für Kirchenleute auch ganz unvermittelt im Alltag geschehen – wenn einem plötzlich etwas klar wird.
Im Fußball ist der entscheidende Tag der Spieltag. Da geht es um Sieg oder Niederlage.
Für Kirchenmitglieder ist der Alltag der entscheidende Tag. Im Alltag entscheidet sich, ob man von der Liebesbotschaft Gottes etwas verstanden hat und umsetzen kann. Verlierer sind nicht vorgesehen, Sieger sind alle, die etwas von der gelebten Nächstenliebe und der Liebe Gottes etwas spüren.
Abschließend leihe ich mir einmal mehr Worte von Pfr. Lampe aus unserer kath. Schwestergemeinde. In seinem Wochenblatt Nr. 17 schreibt er:
Ich finde, man kann die Erstkommunion (bzw. die Konfirmandenzeit) wie eine Tür sehen. Die Kinder öffnen sie und schauen hinein in ein großes, altes, interessantes Haus. Dieses Haus heißt Kirche.
Es hat viele Zimmer. Manche sind hell und vertraut. Andere muss man erst entdecken.
Da gibt es Orte für Gebet und Stille, Gemeinschaft und Feste, Fragen und Zweifel,
Trost und Hoffnung. Und mittendrin steht der Tisch, an dem Christus selbst uns stärkt.
…
Ob die Kinder weitergehen, ob sie Räume entdecken, in denen sie sich willkommen und geborgen fühlen oder ob sie aus der Kirche hinauskonfirmiert werden, das hängt auch
von uns ab. Vom Beispiel der Eltern, der Paten, der Großeltern, und von unseren
Gemeinden. Von Menschen, die nicht nur sagen: „Glaube ist irgendwie wichtig“,
sondern zeigen: Hier bin auch ich zuhause.
Ich bin zuversichtlich. Trotz aller Unkenrufe. Trotz verdunstendem Glauben.
Trotz mancher Müdigkeit, die auch in unserer Gemeinde zu spüren ist.
Die Erstkommunion (bzw. Konfirmation) bleibt ein starkes Zeichen. Da stehen Kinder an einer Tür, die größer ist als sie selbst. Und diese Tür ist offen.
Wenn wir den Kindern ein ehrliches, freundliches und lebendiges Haus der Kirche
zeigen, werden manche gern wiederkommen. Nicht alle. Das wissen wir. Aber manche
schon. Und manchmal beginnt Glaube genau so: mit einem Schritt über die Schwelle,
mit einer guten Erfahrung, mit einem Menschen, der einem zeigt: Hier darfst du sein.
… Unsere Kinder sollen spüren, dass sie erwartet, gesehen und mitgetragen werden.
Gebet:
Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit.
Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heißt Gottes Ewigkeit.
Und wenn uns Einsamkeit bedroht, wenn Angst uns überfällt:
Viel Freunde sind mit unterwegs auf gleichen Kurs gestellt.
Das gibt uns wieder neuen Mut, wir sind nicht mehr allein.
So läuft das Schiff nach langer Fahrt in Gottes Hafen ein!
Bleibe bei uns, Herr!
Bleibe bei uns, Herr,
denn sonst sind wir allein
auf der Fahrt durch das Meer.
O bleibe bei uns, Herr!
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