459 5nach6_20.02.26_Was tun Ps 22
Hoffnung ist kein passives Warten auf etwas, sondern meint Verantwortung zu übernehmen, zu handeln und aus dem Vertrauen auf Gott Kraft dafür zu schöpfen. So habe ich es beim letzten Mal – recht vollmundig – gesagt.
Aber was heißt das? Was soll ich tun? Was ist meine Aufgabe, die ich voller Hoffnung angehen kann, soll?
Nun, die Bibel ist voll von Handlungsanweisungen! Wir sollen die Erde bebauen und bewahren, so lautet der Auftrag in der Schöpfungserzählung (1. Mose 2,15). Wir haben die 10 Gebote. Der Psalmdichter ruft uns zu: Suche den Frieden und jage ihm nach (Ps 34)! Der Prophet Jeremia mahnt: Suchet der Stadt Bestes (Jer 29,7)! Und Jesus predigt: Du sollst Gott und deinen Nächsten lieben wie dich selbst (Matthäus 22,37-39).
Aber alles nicht so einfach. - Eher zufällig bin ich in der Berufungsgeschichte des Propheten Ezechiel (oder Hesekiel) auf einen weiteren Auftrag gestoßen. Da heißt es (Ez 2, 1-8 i.A. + 3,1-4):
1Gott sagte zu mir: Du Mensch, stell dich auf deine Füße! Ich habe dir etwas zu sagen. 2Während er mit mir redete, kam Gottes Geist in mich und stellte mich auf meine Füße.
Dann hörte ich ihn wieder reden. – 3Er sagte zu mir:
Du Mensch, ich selbst sende dich zu den Israeliten, zu diesem widerspenstigen Volk. Immer wieder haben sie sich mir widersetzt. Schon ihre Vorfahren haben sich gegen mich aufgelehnt, daran hat sich bis heute nichts geändert. 4Sie sind immer noch abweisend und hartherzig.
Doch ich sende dich zu ihnen. Du sollst zu ihnen sagen: »So spricht Gott, der Herr!« 5Dann können sie darauf hören oder auch nicht. Selbst wenn sie widerspenstig bleiben, merken sie, dass ein Prophet mitten unter ihnen war.
6Du aber, Mensch, fürchte dich nicht vor den Israeliten! Auch vor ihren Worten fürchte dich nicht. Sie werden dich verletzen wie Disteln und Dornen, ja, du wirst unter Skorpionen wohnen. Fürchte dich nicht vor ihren Worten und lass dich nicht von ihnen erschrecken. Sie waren schon immer widerspenstig. 7Richte ihnen meine Worte aus, ob sie darauf hören oder nicht. Du weißt ja, wie widerspenstig sie sind.
8Weiter sagte Gott zu mir: Du aber, Mensch, hör, was ich dir sage! Sei nicht so widerspenstig wie die, die sich mir widersetzen. Öffne deinen Mund und iss, was ich dir geben werde.
3,1Gott sagte zu mir: »Du Mensch, iss, was du da siehst. Iss diese Schriftrolle! Dann geh und rede zum Haus Israel.«
2Ich öffnete meinen Mund, und er gab mir die Schriftrolle zu essen. 3Dabei sagte er zu mir: »Du Mensch, iss und fülle deinen Bauch mit der Schriftrolle, die ich dir gebe.«
Da aß ich sie, und sie schmeckte süß wie Honig. 4Dann sagte Gott zu mir: Du Mensch, geh zum Haus Israel und richte ihnen meine Worte aus.
Was für ein Text!
Wikipedia weiß über den Propheten Folgendes:
Ezechiel war …Priester … und gehörte zur ersten Gruppe der 598 v. Chr. unter König Nebukadnezar II. nach Babylon verschleppten Israeliten. Er war Zeitgenosse des Propheten Jeremia. Er erhielt seinen Wohnsitz in Mesopotamien … bei Babylon. Dort begann er im Alter von 30 Jahren sein prophetisches Wirken. Insgesamt wirkte er 22 Jahre als Prophet im babylonischen Exil… In Israel oder Juda selbst trat er nie auf. Anzeichen im Buch Ezechiel weisen auf seine herausragende Bedeutung in der Gemeinde hin: Sitzungen des Ältestenrates vor ihm oder Ortsgespräche über ihn werden erwähnt.
600 v.Chr. – und so aktuell! Was rät das Buch Ezechiel uns heute?
Stell dich auf deine Füße, heißt es. Steh auf, komm hoch und komm in Gang! Stell dich nicht nur auf deine Füße, stell dich auch den Herausforderungen. Bezieh Stellung, nimm Stellung, schweige nicht! Und stell dich in den Dienst Gottes.
Gottes Geist kam in mich und stellte mich auf meine Füße. Das ist tröstlich, darauf kann ich hoffen. Wo meine Kraft, mich zu stellen, meine Standhaftigkeit, meine Widerständigkeit nicht reicht, da darf ich vertrauen auf den guten Geist Gottes, der mich aufrichtet.
4Sie (die Israeliten) sind immer noch abweisend und hartherzig. Gott rechnet damit, dass die Menschen auf die Botschaft des Propheten abweisend und hartherzig reagieren. Er bereitet Ezechiel darauf vor. Damit müssen auch wir rechnen. Ach, wir wissen es doch auch – ein Blick in die Tagesschau oder in die Zeitung zeigen es doch.
Doch ich sende dich zu ihnen. Du sollst zu ihnen sagen: »So spricht Gott, der Herr!« 5Dann können sie darauf hören oder auch nicht. Selbst wenn sie widerspenstig bleiben, merken sie, dass ein Prophet mitten unter ihnen war.
Und dennoch. Rede! Dann sind deine Worte in der Welt und die anderen müssen sich dazu stellen. Keiner wird sagen können: „Wir haben es ja nicht besser gewusst!“
6Fürchte dich nicht vor den Israeliten! Auch vor ihren Worten fürchte dich nicht. Sie werden dich verletzen wie Disteln und Dornen, ja, du wirst unter Skorpionen wohnen.
Wenn sie nur belächelt werden, die Menschen, die Gottes Wort ernst nehmen, dann geht es ja noch. Als „Tempeltänzer“ wurden wir seinerzeit verspottet, wenn wir sagten, dass wir zur Ev. Jugend gehören. Aber Shitstorms in den sog. sozialen Medien, die viel zu oft asozial sind, das sind die Dornen und Skorpione, die wirklich verletzen und vergiften. Und mittlerweile gibt es ja Parteien, die mit offensiver Kirchenfeindlichkeit in den Wahlkampf ziehen.
Und dann wird es merkwürdig: 1Gott sagte zu mir: »Du Mensch, iss, was du da siehst. Iss diese Schriftrolle! Dann geh und rede zum Haus Israel.«
Verinnerlichen sollen wir die Worte der Bibel, in- und auswendig sollen wir sie können. Und die Worte tun gut. Wie Honig sind sie! Dann sollen wir gehen. Hingehen, nicht warten bis jemand kommt! Und dann reden.
Wobei Jesus da in einzigartiger Weise noch weiter ging! Er redete, er predigte in Wort und Tat! Er ging hin zu den Menschen, die an den Rand der damaligen Gesellschaft gedrückt worden waren und verhalf ihnen zu neuer Würde, zu einem neuen Leben.
Und wenn die Kräfte nachlassen? Das AT weiß auch um Propheten, die nicht mehr können. Jona will seinen prophetischen Auftrag gar nicht erst annehmen und flieht. Elia ist völlig erschöpft und möchte am liebsten sterben. Andere Propheten verzweifeln an der Folgenlosigkeit ihrer Botschaft wie Amos, sie werden verfolgt und verschwinden mehr oder weniger spurlos.
Was manche einsame Rufer gegen Hass und Gewalt, für Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit heute erleben, ist nicht wirklich neu. Was tun?
Resilienz heißt da das Zauberwort unserer Zeit. Psychische, seelische Widerstandsfähigkeit. Und wie können wir widerstandsfähig bleiben oder werden, wenn es alles zu viel wird? Wenn keiner oder nur wenige hören und sehen wollen, was wir zu sagen haben?
A.Leidenberger, Psychotherapeutin, erklärt („Es darf Tage geben, an denen man abschaltet, weil es zu viel wird“, in: Frankfurter Rundschau 23.01.26, S.11 – Zitate kursiv):
Es ist wichtig, ein tragfähiges soziales Netz (zu haben): Menschen, die uns zuhören, uns verstehen, uns stärken und vielleicht ähnliche Gedanken und Gefühle kennen. Das hilft, sich mit Sorgen, Gedanken und Schmerz weniger allein zu fühlen ...
Hilfreich ist auch, sich täglich bewusst zu machen, was gut läuft, … z.B. mit Hilfe eines Dankbarkeitstagebuchs.
Viele haben das Gefühl, dem Weltgeschehen ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Da kann es helfen, sich auf einer Art Mikro-Ebene (in den kleinen Feldern des Alltags) zu fragen: Wo kann ich aktiv werden? Wie kann ich die emotionale Energie, die durch die täglichen, schlimmen Nachrichten ausgelöst wird, in etwas umsetzen, das sich für mich produktiv anfühlt?
Und es hilft, mit sich selbst freundlich (und nachsichtig) zu sein.
Eine Kirchengemeinde kann ein Feld sein, in dem ich das finde.
Menschen, die mit mir auf gleichem Wege unterwegs sind.
Gottesdienst, Gebet, Bibellektüre und Seelsorge, die mich tragen.
Möglichkeiten, in einem Ehrenamt etwas im Kleinen zu bewegen – und zwar in die richtige Richtung.
Gebet: (Quelle: Gebete_und_Bibelstellen_in_Not_und_Angst.pdf – bearbeitet)
Gott,
Du weißt, wie schwer mein Herz ist
und wie eng meine Brust.
Ich weiß nicht ein noch aus.
Hilf mir, mein Gott.
Ich glaube ja, dass Du es gut mit mir meinst.
Lass nicht zu,
dass dennoch die Angst Macht über mich gewinnt.
Dir vertraue ich diesen Tag an und mein ganzes Leben.
Führe mich, wie Du es willst und wie es gut ist für mich.
Ob ich lebe oder sterbe:
Ich bin bei Dir und Du bist bei mir, mein Gott. Amen.
Dörte Schrömges