454 5nach6_02.01.26_Zum Beginn Ps 23
Herzlich willkommen – im Jahr 2026! Und zwar im Januar. Dieser Monat hat seinen Namen vom römischen Gott Janus, der mit zwei Gesichtern dargestellt wird. Er gilt als Gott des Anfangs und des Endes, der Ein- und Ausgänge, der Türen und der Tore.
Die zwei Gesichter des Janus, des Januars legen nahe, zurück und nach vorn zu blicken. Ohne mich rückblickend mit Einzelheiten aufzuhalten, lassen sich m.Er. viele Ereignisse und Entwicklungen in 2025 mit einer Feststellung des Journalisten und Schriftstellers Axel Hacke zusammenfassen: Ich kann mich an keine Zeit in meinem Leben erinnern, in der so viele Menschen von dunklen Gefühlen erfasst zu sein schienen. Die Helligkeit hat es schwer, wenn die Geschichte so rücksichtslos Vollgas fährt, dass wir Beifahrer uns ängstlich in den Haltegriffen verkrallen. … Man trifft sich in Wutgemeinschaften, in denen es keine große Rolle zu spielen scheint, worauf man nun gerade wütend ist, Hauptsache, man ist es. Axel Hacke, Wohin mit meinen dunklen Gefühlen? In: DIE ZEIT Nr. 41, 25.09.2025, S.49
Der Philosoph Jürgen Habermas beschreibt, wie politisch aktive Bürger/innen gestresst und enttäuscht dem burn-out entgegentaumeln. Für die Überzeugungen weiter zu kämpfen, scheint nutzlos. … Wer aber flieht, wirft mit seinen Überzeugungen auch ein Teil von sich selbst über Bord … das Weltuntergangsgerede macht schließlich nur Angst und Angst lähmt. J.Habermas, Was am Ende bleibt, in: Frankfurter Rundschau, 22.11.25
Wie schreibt man in so dunklen Zeiten etwas Ermutigendes?
Pfarrer Lampe aus unserer katholischen Nachbargemeinde ist bekennender Thermomix-Fan und hat im Thermomix Ermutigendes entdeckt. Er schreibt im Gemeindebrief:
Die genialste Funktion meines neuen Thermomix habe ich jetzt entdeckt: Er kann nachsehen, was ich habe, um mir dann super passende Rezepte vorzuschlagen. Ich gebe einfach ein: „Eier, Kartoffeln, etwas Parmesan, Walnüsse, ein halber Zucchino“ – und heraus purzeln lauter Vorschläge, wie daraus in kurzer Zeit ein kleines Festmahl werden kann. Das fasziniert mich. Denn oft stehe ich vor dem Kühlschrank, schaue ratlos hinein und denke: „Nichts mehr da.“ Dabei liegt das Problem nicht im leeren Kühlschrank, sondern in meinem fehlenden Blick für das, was doch da ist …
Hm, der fehlende Blick für das, was noch da ist … Er fährt fort:
Viele unterschätzen, was noch da ist! Oft warte ich darauf, dass „mehr“ kommt: … Dabei liegt so viel Brauchbares im „Vorratsschrank“. Oft übersehe und unterschätze ich nur die Möglichkeiten. Pfr. Lampe, in: Wochenblatt der Kath. Kirche im Pastoralraum der Pfarrgemeinden Seesen, Bad Gandersheim, Wohldenberg, Nr. 37/2025
Also will ich heute nicht materielle und soziale Verwüstungen beklagen, die rücksichtslose „Vollgasfahrer“ im Großen und im Kleinen in unserer Gesellschaft hinterlassen.
Fest im Leben verwurzelte Überzeugungen und tragfähige soziale und religiöse Beziehungen können die Widerstandskräfte stärken gegen diese Verwüstungen, diese Ängste sowie Burn-outs, die sie auslösen. Also erzählen wir von Haltegriffen und unserem Vorratsschrank an stabilen Überzeugungen und tragfähigen Beziehungen.
Der Zusammenschluss von St.Pankratius Bockenem und St.Johannis Königsdahlum hat die Gemeinde größer und unübersichtlicher gemacht. Es fällt bisweilen immer noch schwer, „die anderen“ mit ihrer Geschichte, mit ihren Erfahrungen und Interessen in den Blick zu bekommen und zu respektieren. Aber wir sind auf gutem Wege, denke ich.
Uns Königsdahlumer Vertretern/innen im gemeinsamen Kirchenvorstand ist wichtig, dass Bewährtes aus unserem „Vorratsschrank“ in Königsdahlum erhalten bleibt, weil es im bisherigen Gemeindeleben in der Tat ein „Haltegriff“ war. Gleichzeitig geht es darum, in unserem Vorratsschrank das eine oder andere Regal neu einzuziehen oder – ja, auch daran müssen wir denken – leer zu räumen, um Platz für neue Haltegriffe zu schaffen.
Aber zunächst: Sehen, was da ist, und daraus etwas machen. Und das nicht für sich selbst, sondern für die Gemeinschaft. Verteilen statt austeilen – letzteres im Sinne von aggressivem Austeilen von Wut und Hass in Worten und Taten.
Das, was da ist, verteilen, damit Menschen leben können und das Leben gelingt.
So sind m. Er. auch die Speisungswunder im NT zu verstehen.
Die bekannteste Erzählung ist die „Speisung der 5000“ (Mt 14,13–21, Mk 6,30–44, Lk 9,10–17, Joh 6,1–15). Die Evangelisten erzählen, dass Jesus mit nur fünf Broten und zwei Fischen, die er von den Anwesenden hatte einsammeln lassen, eine große Menschenmenge satt machte und sogar zwölf Körbe voller Reste übrigblieben. Sehen, was da ist, und verteilen. Vor dem Thermomix war das schon in der Bibel zu finden!
Es geht hier m.Er. nicht um Magie und Zauberei, es geht um das Wunder des Teilens, darum, dass aus dem Vorhandenen etwas Neues, neues Leben, neue Möglichkeiten geschaffen werden können.
Neues schaffen, damit sind wir bei der Losung für das Jahr 2026! „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung Johannes 21,5).
Die Offenbarung, „das letzte Buch der Bibel, erzählt von Dingen, die noch kommen sollen. Der Verfasser … Johannes versteht sich als Seher, als Prophet, dem Gott Bilder von der Zukunft gezeigt hat. Diese gibt er in einem Brief an sieben Gemeinden weiter.
Die Offenbarung entstand am Ende des 1. Jhdts. Damals befanden sich die Christen im Römischen Reich in einer schwierigen Situation. … Als erster römischer Kaiser ließ sich Kaiser Domitian (81-96 n.Chr.) als ‚Herr und Gott‘ anreden. Als die Christen sich weigerten, solche Befehle zu befolgen, begann für sie ein Weg in Verfolgung und Leid. … Angesichts der schrecklichen Erfahrungen, die viele Christen machen mussten, versuchte Johannes, Erklärungen zu geben und ihnen neue Hoffnung zu machen. M.Landgraf, Die Bibel elementar, Stuttgart, 2010, S.261
Die Offenbarung – auch Apokalypse genannt - liest sich eher wie ein Katastrophenbericht (und wird von interessierten Kreisen auch als Angstmacher genutzt), aber entscheidend ist eigentlich ihr Trostcharakter, wonach Gott Kraft zu Veränderung und Erneuerung schenken kann.
In diesem Zusammenhang ist die Jahreslosung zu sehen. „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“
Pröpstin Meike Bräuer-Ehgart ermutigt auf diesem Hintergrund (Seesener Beobachter, 31.12.25)
„Trotz aller Krisen einmal die dunkle Brille absetzen, sich von der Hoffnung bestimmen lassen, die aus alter Zeit immer wieder neu zu uns spricht, und Lichtpunkte sammeln, die die Gegenwart erhellen … ohne überzogene Erwartungen, aber mit der Hoffnung auf das Beste … Johannes Erwartungen klammern die krisenhafte Lage insbesondere der Christen/innen im römischen Reich nicht aus, im Gegenteil, sondern sie gründen sich auf eine Glaubenshoffnung, die einen Blick über die unmittelbare beklemmende Situation hinauswerfen will. … Er versucht den Menschen Standhaftigkeit in allen Bedrängnissen zu ver-mitteln, durch die revolutionäre Hoffnung auf tiefgreifende Veränderungen durch Gott, die dahinter aufscheint: Nicht ein bisschen besser oder alles, wie früher,“ … sondern alles neu!“
Lichtpunkte sammeln, die die Gegenwart erhellen, in einem anderen, hoffnungsvolleren Licht erscheinen lassen. Ich möchte Ihnen einen solchen Lichtpunkt mitgeben.
Karte „Licht auf Erden“, Hg. Gottesdienst-Institut ELKB, 90209 Nürnberg. Sie können die Karte sehen unter folgendem Link https://www.gottesdienstinstitut.org/ und dann im „Shop“ aufrufen.
Die Karte gibt ein reales Naturfoto wieder. Es dominiert ein phänomenales Farbenspiel am Himmel, das ein Polarlicht zeigt. Es wölbt sich in der Form eines Regenbogens über die Landschaft. Die Landschaft ist in Blau getaucht, aber gleichzeitig vielfältig. Zu sehen sind Himmel und Erde, Berge und Meer, Wolken und Fels, Sterne und Schnee.
… etwa in der Mitte des Felsens rechts ist ein sternenförmiger Lichtschein zu sehen. ... Dieses Licht lässt einen an einen Stern denken. Da kommt einem der Stern von Bethlehem in den Sinn. So sieht man auf diesem Bild ein eindrucksvolles Licht am Himmel – und ein kleines, unscheinbares Licht auf der Erde.
Gottesdienst-Institut der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, Gottesdienst zur Christnacht (2025) Handreichung (Art.-Nr. 2582)
Fast scheint es, als würde dieser kleine Lichtpunkt die Quelle jenes grandiosen Lichtspiels in und gegen die Dunkelheit der Polarnacht sein.
Und genau darum geht es: Lichtpunkte setzen, Lichtpunkte wahrnehmen, um Lichtzeichen zu senden in die Dunkelheiten unserer Tage.
Ein kleines Lichtzeichen habe ich in unserer Tageszeitung gefunden (Seesener Beobachter, 31.12.15): In einem Comic unterhalten sich zwei Personen. Sagt die eine: „Ich hab Angst vor dem neuen Jahr. Wer weiß, was alles passiert!“ Sagt die andere: „Ich freue mich aufs neue Jahr. Wer weiß, was alles passiert!“
Es muss nicht alles so dunkel bleiben, wie es bisweilen scheint. „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu!“
Segenswunsch
Ich wünsche dir,
dass dir selbst in dunklen Zeiten
die kleinen Sterne auffallen,
die glitzern und leuchten,
unbeirrt von dem,
was finster ist um sie herum.
Ich wünsche dir das Vertrauen,
dass der Morgenstern schon am Himmel ist,
auch wenn du ihn noch nicht siehst
Ich wünsche dir die Zuversicht,
dass das Licht wächst,
weil Gott sich auf den Weg gemacht hat
zu dir.
© Tina Willms, aus: Tina Willms, Zwischen Stern und Stall, Neukirchener Verlagsgesellschaft 2020, S.94