Freitags 5nach6 - Vaterunser 1

24. Juli 2026

476 5nach6 24.07.2026 Vaterunser 1                      Ps 27

Erinnern Sie sich? Klaus Lage Band? 1984?

Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert,
tausendundeine Nacht - und es hat Zoom gemacht
.“

So wie es hier einem Pärchen ergeht, so ergeht es uns bisweilen mit altbekannten, vertrauten, ja vielleicht übervertrauten Texten. „Es begab sich aber zu der Zeit …“ – na klar, Weihnachtsgeschichte. Kenne ich ja. Schon schalten wir ab oder um in einen „Oberflächen-Modus“. Und verpassen eine tiefere Begegnung mit dem Text, bis er vielleicht in einer besonderen Situation doch in tiefere Schichten unseres Denkens vordringt.

Noch häufiger geschieht das, wenn es sich um liturgische Texte handelt, die in jedem Gottesdienst vorkommen. Immer wieder. So geht es manchen mit dem Vaterunser.

Auf der Seite der EKD lesen wir:

Das Vaterunser ist das wichtigste Gebet des Christentums, weil Jesus es selbst seinen Jüngern beigebracht hat (Mt 6,9–13Lk 11,2–4). Evangelische Christinnen und Christen beten das Vaterunser in jedem Gottesdienst. Für Martin Luther und viele andere Reformatoren gehörte es zu den wichtigsten Texten des christlichen Glaubens. Sie nahmen das Vaterunser in ihre Katechismen auf. Katechismen sind Bücher, die den christlichen Glauben erklären. Luther fand das Vaterunser auch deswegen besonders treffend, weil es die Nöte, also die Bedürfnisse von Menschen klar zusammenfasst.

In den allermeisten christlichen Kirchen wird das Vaterunser als Gebet verwendet, … es verbindet Christinnen aller Konfessionen und Christen rund um den Erdball. … Deswegen kann das Gebet auch in vielen Sprachen gleichzeitig gesprochen werden. …

Das Vaterunser auswendig sprechen zu können hat zwei Vorteile: Man kann es leicht mitsprechen, wenn es in Andachten oder in Gottesdiensten gebetet wird. Außerdem ist es ein Gebet für viele Lebenslagen. Wenn einem die Worte fehlen, bietet das Vaterunser Sätze, die zu vielen Situationen passen und die eine jahrtausendlange Tradition haben. Milliarden von Menschen haben das Vaterunser schon gebetet. (Quelle: Vaterunser - Basiswissen Glauben – EKD)

Und Wikipedia weiß: Um 800 ordnete Karl der Große mit Kapitularien an, dass jeder Christ das Vaterunser auswendig aufsagen können sollte. Wer dies nicht vermochte, sollte nicht als Pate zugelassen werden.

Das Vaterunser umfasst traditionell sieben Bitten, die in zwei Gruppen unterteilt sind: Die ersten drei beziehen sich auf Gott, die restlichen vier betreffen menschliche Bedürfnisse.

  1. Geheiligt werde dein Name: Gottes Güte und Größe sollen in der Welt geachtet und geehrt werden.
  2. Dein Reich komme: Die Bitte um die Ausbreitung von Gottes Herrschaft, Gerechtigkeit und Frieden.
  3. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden: Der Wunsch, dass Gottes heilsamer Plan auf der Welt Wirklichkeit wird.
  4. Unser tägliches Brot gib uns heute: Die Bitte um alles Lebensnotwendige, Bewahrung vor Not und Vertrauen auf Gottes Fürsorge.
  5. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern: Die Bitte um Vergebung für eigene Fehler, gekoppelt an die Bereitschaft, auch anderen zu verzeihen.
  6. Und führe uns nicht in Versuchung: Die Bitte um Beistand in Momenten der Schwäche und Prüfung.
  7. Sondern erlöse uns von dem Bösen: Der Schutz vor allem Destruktiven und dem Abwenden vom Guten.

Aber bevor wir zu den einzelnen Bitten kommen, lohnt sich ein Blick auf den Anfang.

Vater unser im Himmel … Martin Luther schreibt zu dieser Anrede in seinem Kleinen Katechismus (EG 806.3):

Gott will uns damit locken, dass wir glauben, er sei unser rechter (unser eigentlicher Vater) und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen, wie die lieben Kinder ihren lieben (leiblichen, UG) Vater.

Zu diesem freundlichen Grundtenor passt, dass Jesus für das Wort „Vater“ in der Sprache seiner Zeit ein Wort verwendet, das wir heute mit „Papi“ übersetzen könnten! Gemeint ist eine familiäre Anrede, die eine enge Beziehung veranschaulicht. Eine größere, liebevollere Nähe ist kaum denkbar!

Aber – dieser Vater ist im Himmel. Im antiken Weltbild war der Himmel der unerreichbare, unvorstellbare, ganz andere Bereich, der Lebensbereich des fernen, ebenfalls unerreichbaren, unvorstellbaren Gottes!

Wie geht das zusammen: der Papi-Gott und der ferne Gott? Schon Martin Luther unterschied zwischen dem „verborgenen Gott“ und dem „sich offenbarenden Gott“, der sich historisch vor allem in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat.

Eigentlich passt das gut zu den Vater-Erfahrungen der Kinder der Moderne. Der Vater verschwindet für eine lange Zeit des Tages in einen Bereich, der dem Kind nicht zugänglich ist und von dem es nicht weiß, wie es dort ist und was sein Vater dort macht. Dann wiederum ist er voll und ganz für das Kind da, erkennbar und liebevoll zugewandt – hoffentlich …

Der Theologe Gerd Theißen beschreibt es in seinem Katechismus „Glaubenssätze“ so:

Es ist wie mit Kindern, die ihren Vater nur aus Erzählungen kennen, bis er nach langer Abwesenheit heimkommt und sie ihn kennen lernen. So geht es vielen mit Gott. Sie hören von ihm aus Erzählungen und hoffen, dass er einmal in ihr Leben tritt. Durch Jesus tritt ein unbekannter Vater in unser Leben.

(G.Theißen, Glaubenssätze – ein kritischer Katechismus, Gütersloh, 2012, S.188)

Diese „Zweiseitigkeit“ Gottes ist eigentlich eine „Mehrseitigkeit“. Gott ist für mich wie ein Puzzle, zu dem ich immer mal ein Teil finde, auch Teile, die nicht zueinander passen. Manches Teil fällt mir auch mal vom Tisch. Ich vermute, dass andere auch noch andere Teile finden als ich. Aber sicher ist für mich: Keiner findet alle Teile und setzt sie vollständig zusammen.

Das ist vielleicht auch wichtig für unser Verhältnis zu uns und zur Welt, in der wir leben. Sie geht nicht auf, nicht endgültig. Wir stehen vor uns und vor ihr wie vor dem Tisch mit dem angefangenen Puzzle und dem Haufen durcheinander liegender Teile.

Und das bleibt so.

Wenn man das Leben Jesu und seine Botschaft in Wort und Tat betrachtet, dann ist es eben dies: Jesus weist auf größere Zusammenhänge hin, die über das hinausgeht, was wir erfahrungsgebunden und mit unserer begrenzten Vorstellungskraft denken können. Der Begriff dafür taucht auch im Vaterunser auf: Das Reich Gottes. Jesus sagt, dass es in Ansätzen schon mitten unter uns ist und wachsen kann, aber in den Verhältnissen dieser Welt unvollendet bleibt.

Aber – in aller unserer Unvollendetheit hält das Spiritual einen Trost bereit. Schon jetzt gilt: He’s got the whole world in his hands! Er hält die ganze Welt in seiner Hand. Gott, der Vater (der natürlich auch mütterliche Eigenschaften hat) hält die Welt in seiner Hand.   

So ist es gut, wenn unser ehemaliger Pastor R.Strack in seinen wöchentlichen Videos uns folgendes Abendgebet nahebringt, mit dem ich auch schließen möchte:

Unser Abendgebet steige auf zu dir, Herr,

und es senke sich auf uns herab dein Erbarmen.

Dein ist der Tag, und dein ist die Nacht.

Lass im Dunkel uns leuchten das Licht deiner Wahrheit.

Geleite uns zur Ruhe der Nacht und einmal auch zur ewigen Vollendung.  

 

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St. Johannis Königsdahlum