477 5nach6 31.07.2026 Vaterunser 2 Ps 27
In unserer Welt wird das Ich umschmeichelt und in den Mittelpunkt gestellt. Die Postbank warb mit dem Slogan „Hauptsache ICH“, die Diätmargarine sagt mir „Du darfst“ und das auf üble Weise oft nur zu wahre Sprichwort rät: Wenn jeder an sich denkt, ist auch an jeden gedacht. Unsere Konsumgesellschaft lebt nach dem Motto „Ich will alles und zwar sofort!“ Und genau nach dieser Devise funktioniert auch unser Wirtschaftssystem.
Ganz anders die erste Bitte im Vaterunser … „Geheiligt werde dein Name!“ Der Blick wird zunächst von mir weg auf etwas oder jemanden ganz anderes gelenkt: Gott!
Was heißt das bzw. was kann das heißen? Ich möchte nicht den Anspruch erheben, das erschöpfend klären zu können!
„Heiligen“, heißt das, etwas wie eine Heiligenfigur hoch auf einen Sockel zu stellen, so hoch, dass keiner drankommt und man nur stumm nach oben blicken kann?
Luther schreibt in seinen Erklärungen zu den Zehn Geboten immer wieder: „Du sollst Gott fürchten und lieben!“
Was soll denn das nun wieder? Gerade habe ich noch erklärt, dass Jesus in der Sprache seiner Zeit ein Wort für „Vater“ verwendet, das sehr familiär ist und etwas wie „Papi“ meint – und jetzt sollen wir ausgerechnet den fürchten?
Versuchen wir es mit einem alten, heute kaum noch verwendeten Wort: Ehrfurcht.
Wikipedia bemüht zur Erklärung das Brockhaus-Lexikon: Im Brockhaus von 1896 wird die Ehrfurcht als „der höchste Grad der Ehrerbietung, das Gefühl der Hingabe an dasjenige beschrieben, was man höher schätzt als sich selbst, sei es eine Person oder eine geistige Macht, wie Vaterland, Wissenschaft, Kirche, Staat, Menschheit, Gottheit“.
Wir stehen – wenn wir den Namen Gottes heiligen – also ehrerbietig, respektvoll und staunend vor der einzigartigen Besonderheit Gottes, vor seiner letztendlich unbegreiflichen Größe und Kreativität (hier verstanden als Schöpfungskraft). Gott geht nicht in den Verhältnissen dieser Welt auf und schon gar nicht in meinen kleinen Vorstellungen. Da kann man sich schon mal klein fühlen und ein mulmiges Gefühl bekommen …
Aber darin erschöpft sich die Heiligung Gottes nicht! Luther spricht – ganz in der Tradition Jesu – nicht nur von „Furcht“ sondern auch von „Liebe“.
„Du sollst Gott fürchten und lieben!“ Gerade vor dieser unbegreiflichen Kraft soll ich nicht in Ehrfurcht erstarren, ich soll, darf und kann mich ihr liebevoll zuwenden in der Gewissheit, von hier liebevoll und fürsorglich – was nicht heißt unkritisch – angenommen zu werden. Gott kann auch Herausforderung und Zumutung sein!
Aber: Die Heiligung Gottes erschöpft sich nicht in einer Beziehungsgeschichte:
Martin Luther schreibt in seinem Kleinen Katechismus: Geheiligt werde dein Name … Wie geschieht das? Wo das Wort Gottes lauter und rein gelehrt wird und wir auch heilig, als die Kinder Gottes, danach leben. …
Ah, interessant! Heiligung Gottes geschieht mitten im Leben durch die Lehre, die sich an der Bibel orientiert, und durch eine Lebensweise, die versucht, dem gerecht zu werden.
Der Theologe Gerd Theißen formuliert in unserer Zeit ähnlich:
Gott heiligen heißt: Unser Leben als Antwort auf seinen Ruf leben und erkennen, dass wir uns ändern müssen, wollen wir ihm entsprechen. Gott ist überall gegenwärtig, aber nicht überall anerkannt. Nur selten tritt er aus seiner Anonymität heraus, wenn uns etwas aus dem Alltag herausreißt … (Gerd Theißen, Glaubenssätze – ein kritischer Katechismus, Gütersloh, 2012, S.188f)
Er spricht vom „Anerkennen“ Gottes. Das brauchte Luther nicht. Für seine Zeit war das Erkennen und Anerkennen Gottes selbstverständlich, für unsere Zeit gilt das nicht.
Nun zur zweiten Bitte: Dein Reich komme.
Hören wir wieder Martin Luther! Er formuliert lapidar: Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet von selbst, aber wir bitten in diesem Gebet, dass es auch zu uns komme. Wie geschieht das? Wenn der himmlische Vater uns seinen Heiligen Geist gibt, dass wir seinem heiligen Wort durch seine Gnade glauben und danach leben, hier zeitlich und dort ewiglich.
Auch hier haben wir wieder die Verbindung von gelehrtem Wort, einer vertrauensvollen Haltung und Einstellung dazu und einer entsprechenden Lebenspraxis!
Gerd Theißen sieht es etwas grundsätzlicher und allgemeiner: Um Gott zu entsprechen, muss auch die Welt sich ändern. Dann wird Gott aus seiner Unsichtbarkeit heraustreten. Eine von Gottes Gegenwart durchdrungene Welt kann nicht diese Welt sein. Sie ist nur ein Übergang. Aber eine neue Welt beginnt verborgen schon jetzt in Menschen wie Jesus oder Franziskus oder im Nachbarn, der dich besucht, wenn du krank bist. … (Gerd Theißen, Glaubenssätze – ein kritischer Katechismus, Gütersloh, 2012, S.188f)
Hieran ist mir wichtig, dass er das Vorhandensein des Reiches Gottes – wenigstens im Ansatz – besonders herausstellt.
Der Theologe Friedrich Brandi entfaltet diesen Gedanken (F.Brandi, Dein Reich komme, in: Ev. Zeitung, 10. Mai 2026, S.16):
„Das römische Reich war allgegenwärtig und bestimmte den Alltag der Menschen um Jesus (und war auf stetige Vergrößerung von Land und Einfluss aus, ähnlich wie US-Präsident Trump heute, UG). Dagegen setzt Jesus nun ein ganz anderes Reich – nämlich das Reich Gottes. Ein Reich, das zwar noch aussteht, aber gleichzeitig schon Wirklichkeit ist, wie Jesus an anderer Stelle sagt: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußeren Zeichen … Denn seht, das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ (Lk 17, 20f)
Brandi schreibt weiter:
Während die Reiche dieser Welt sich von äußeren Maßstäben leiten lassen (Wirtschaftswachstum, militärische Stärke), baut dieses Reich auf andere Werte. In diesem Reich zählen nicht Stärke und Macht, sondern da geht es um Gerechtigkeit und Frieden, es geht darum, dass der Arme anerkannt wird als Geschöpf Gottes, die Niedrigen erhöht und die Gewaltigen vom Thron gestürzt werden – wie es im Lobgesang der Maria provokativ heißt. Es geht hier um ein Reich, in dem kein imperialistischer Gedanke herrscht, sondern der Geist Gottes … Es gibt eben mitten in dieser Welt eine andere Wirklichkeit, die unser übliches Denken und Handeln aus dem Blickwinkel Gottes in Frage stellt.
Es muss ja nicht gleich der ganz große Wurf sein, nach dem wir uns so oft sehnen. Es sind, so denke ich, eher die kleinen, unspektakulären Taten, die entscheidend sein können. … Dieses Reich ist eine … Größe, die nur dann an Bedeutung (und erfahrbarer Realität, UG) gewinnt, wenn wir den Willen Gottes in unserer Gegenwart lebendig halten.
Eine Seniorengruppe formulierte ähnlich wie Martin Luther Einschübe zwischen die Zeilen des Vaterunser: auf dieser Grundlage folgendermaßen:
I. Vater unser im Himmel II. Wir wissen, Gott ist ewiger Vater und ewige Mutter; wir sind Kinder und dürfen getrost und mit Zuversicht bitten.
I. Geheiligt werde dein Name. II. Wir bitten um Kraft, Gottes Liebe nicht zu missbrauchen.
I. Dein Reich komme. II. Wir sehnen uns nach Freiheit von der Gewalt des Bösen.
I. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. II. Gott hat die Kraft, alles Böse zu zerbrechen und zu verhindern; dass wir mit ihm gemeinsame Sache machen, ist sein Wille.
I. Unser tägliches Brot gib uns heute. II. Wir erkennen, dass wir alle Gaben von ihm haben und sind dankbar dafür.
I. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
II. Wenn Gott uns strafen wollte, würden wir täglich Strafe verdienen; doch er liebt uns bedingungslos; so wollen wir auch zu denen gut sein, die uns böses tun.
I. Und führe uns nicht in Versuchung. II. Wir bitten um Kraft und Stärke, damit wir uns nicht wegreißen lassen von der Nähe zu Gott.
I. Sondern erlöse uns von dem Bösen. II. Aber er soll uns wegreißen von allem, was uns schadet.
I. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
II. Wir sind gewiss, Gott hört unsere Bitten; denn er selbst hat uns aufgefordert so zu beten. Amen, Amen, das heißt: Ja, ja, so soll es geschehen.