462 5nach6_13.03.26_7 Wochen mit Gefühl_Verletzlichkeit Ps 38
Quellen: (1) F. Muchlinsky, Mit Verletzlichkeit, in: R.Meister, Mit Gefühl, Leipzig, 2025, S.71f
(1) (2) C.Birgden, Bleibt hier und wacht, in: R.Meister, Mit Gefühl, Leipzig, 2025, S.58f
(3) R.Meister, Verletzlichkeit, in: ders., Mit Gefühl, Leipzig, 2025, S.52f
(4) C.Brudereck, Mit Verletzlichkeit – Fastengedanken, in: R.Meister, Mit Gefühl, Leipzig, 2025, S.61f
(5) Ev. Verlagsanstalt, Mit Gefühl – 7 Wochen ohne Härte, Fastenkalender, Leipzig, 2025, Seite 10. März
Die evangelische Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ schlägt in diesem Jahr vor, auf Härte zu verzichten und stattdessen „mit Gefühl“ vorzugehen.
Die vergangene Woche stand unter dem Stichwort „Verletzlichkeit“ und bezog sich auf das angstvolle Gebet Jesu im Garten Gethsemane kurz vor seiner Verhaftung. Im Mittelpunkt steht folgender Text:
Und Jesus sprach zu seinen Jüngern: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet. Und er kam und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Simon, schläfst du? Konntest du nicht eine Stunde wachen? (Mk 14, 34.37 i.A.)
Und dies ist der Zusammenhang, in dem dieser Text steht:
Als Jesus weiß, dass er bald verhaftet und getötet werden wird, nimmt er sich drei Freunde mit, beginnt zu zittern und eröffnet ihnen: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.“ Er bittet sie, wach zu bleiben, während er betet. Jesus zeigt sich in seiner ganzen Bedürftigkeit. Er äußert seine Bitte sehr direkt, und dann geschieht genau das, wovor man sich fürchtet, wenn man um etwas bittet: Die drei verstehen den Wunsch nicht. Sie kapieren nicht, wie dringend Jesus sie gerade braucht. Vielleicht können sie nichts anfangen mit einem Jesus, der bedürftig und schwach ist. …
Wie reagiert Jesus darauf? Zunächst einmal versucht er nicht, sich ‚zusammenzureißen‘. Er überspielt seine Enttäuschung und seine Schwäche nicht, sondern er bittet noch einmal, ja sogar noch zweimal um das, was er jetzt braucht. Jesus macht ihnen auch keine lauten Vorwürfe, eher leise spricht er von seiner Enttäuschung. …
Diese Bibelstelle zeigt uns: Es ist an der Zeit, dass wir sagen, was wir brauchen. Und es ist an der Zeit, dass wir hinhören, wenn uns jemand um etwas Dringliches bittet. (1)
Ja, es kostet Überwindung zu zeigen, wie schlecht es um einen steht. Und noch schwerer ist zu sagen: Ich schaffe es nicht allein. Ich brauche euch. Seid für mich da. … Jesus macht sich mit seiner Bitte verletzlich. Und er wird tatsächlich verletzt. Und spricht seine Enttäuschung offen an.
Aber bei der Enttäuschung bleibt Jesus nicht hängen. Nach der Auferstehung dreht Jesus das Ganze um. Er sagt seinen Jüngern genau das zu, was ihm nicht gewährt worden war: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Welt.“ Jesus gibt uns das, wozu wir nicht in der Lage sind. Er bleibt. Auch dann, wenn andere gehen. Wenn Krankheit und Tod in ein Leben kommen, wenn der Erfolg ausbleibt und der Lebenslauf einen Knick bekommt. Er weiß, wie gut das tut, wenn einer da ist, der versteht, der sagt: Ich weiß.
Es ist Jesu Menschlichkeit, seine tiefe Verletzlichkeit, die er uns in Gethsemane zeigt. Sie ist es, die ihn uns nah sein lässt in den Krisenmomenten unseres Lebens. (2)
Und der kranke, von zeitweiliger Erfolglosigkeit und Verfolgung geplagte Paulus hört von Gott: Meine Kraft ist in deiner Schwachheit mächtig.“ Und: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ (2Kor 12,9)
Gottes Worte zeigen Gefühl. Sie verändern von innen. …
Wer einen dauerhaften Turm bauen will oder ein Fachwerkhaus wird planen, wohin die Kräfte und Lasten abfließen können. Das Leben wird von innen und außen fortwährend erschüttert. Was diese Kräfte auffängt, ist Mitfühlen und Verstehen, Helfen und Heilen. … Wir werden erschüttert: müde, überfordert, hilflos. Doch Gott lässt uns nicht zerbrechen. Einfühlend nimmt er uns auf, schwingt mit in unserem Leben. (3)
Und wir sind eingeladen, uns von diesen Schwingungen in Schwung bringen zu lassen! Und das in zweifacher Weise: Einmal selbst zu unserer Hilfsbedürftigkeit zu stehen und sie anzusprechen. Und zum anderen, um die Hilfsbedürftigkeit anderer zu erkennen und zu helfen – nach den Bedürfnissen des anderen und nach meinen Möglichkeiten.
Die Theologin Christina Brudereck denkt sich in der Art einer Meditation hinein in unsere Bibelstelle:
… Ich entdecke mich
In den Schlafenden, die wachen wollen.
Ich bin die Fassungslose.
Ich kenne die Nacht,
In der ich gebraucht wurde – und nicht wach blieb.
Ich weiß: Müdigkeit kann uns besiegen.
Ich finde mich wieder in der Lücke
Zwischen Wollen und Schaffen.
Anspruch und Wirklichkeit …
Ich entdecke mich auch in der Bitte.
Hab auch schon gesagt: Bleib doch bei mir.
Nur für einen Moment.
Ich entdecke mich in der Sehnsucht,
Nicht allein gehen zu müssen.
In dem inständigen Wunsch, Hilfe zu finden,
Unterstützung, Gemeinschaft.
Ich denke an die, für die jetzt Nacht ist.
Die nie Ruhe finden.
Im Krieg. In der Notunterkunft.
Die Schicht für Schicht arbeiten.
In Krankenhäusern. Pflegeheimen.
Ich denke an die Unsichtbaren.
Die unsere Welt mittragen.
Still. Mit Gefühl. …
Mit Jesus:
Der berührbar, bedürftig, angreifbar ist.
Sichtbar in seiner Menschlichkeit.
Der uns auffordert, zu bleiben.
Nicht perfekt, doch verbunden.
Weggefährten, Weggefährtinnen. (4)
Statt eines Gebets möchte ich Ihnen eine veränderte Fassung der Seligpreisungen ans Herz legen:
Selig, die Verständnis zeigen
für meinen stolpernden Fuß und meine lahme Hand.
Selig, die begreifen,
dass mein Ohr sich anstrengen muss, um alles aufzunehmen,
was man zu mir spricht.
Selig, die zu wissen scheinen,
dass meine Augen trüb
und meine Gedanken träge geworden sind.
Selig, die mit freundlichem Lächeln verweilen,
um ein wenig mit mir zu plaudern.
Selig, die niemals sagen:
„Diese Geschichte haben Sie mir heute schon zweimal erzählt".
Selig, die es verstehen,
Erinnerungen an frühere Zeiten in mir wachzurufen.
Selig, die mich erfahren lassen,
dass ich geliebt, geachtet und nicht allein gelassen bin.
Selig, die mir in ihrer Güte die Tage erleichtern,
die mir noch bleiben auf dem Weg in die Heimat.
(Aus Afrika) (5)