481 5nach6 04.09.2026 Wunderbar gemacht_Hören Ps 139
Quellen: (1) M.Rüscher, Woran das Ohr sich erinnert, in: Ev. Zeitung 19.07.26, S.4
(2) T.Baier, Höre, Israel – Das Ohr in der Bibel, a.a.O., S.5 – alle Zitate kursiv –
Auf meinem Lieblingskuli steht das Psalmwort „Du bist wunderbar gemacht“ (Ps 139, 14), wir haben es gerade gebetet. Im Regelfall nehmen wir unsere wunderbare Verfasstheit, unsere Lebens-Konstruktion unbewusst hin und halten sie für selbstverständlich. Erst, wenn etwas nicht stimmt, nicht funktioniert, dann werden wir unruhig und merken, dass unser „Wunderwerk Körper“ eben keine Selbstverständlichkeit ist.
Martin Luther hat das in seiner Erklärung zum 1. Hauptstück des Glaubensbekenntnisses sehr schön verdeutlicht:
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Was ist das?
Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, …
„Mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält.“ Ich möchte in den nächsten Andachten eine Idee aus der Ev. Zeitung aufgreifen und das Wunderwerk unserer fünf Sinne etwas näher betrachten. Und weil wir vom Vaterunser her kommen, scheint es mir passend, mit dem Hören zu beginnen.
Als die Freundin am Telefon „Hallo“ sagt, weiß ich sofort, dass etwas nicht stimmt. Ihre Stimme ist leiser, klingt bedrückt. Es ist nur ein Wort, doch das reicht, ich habe die Stimme der Freundin … ihre Art zu sprechen, so verinnerlicht, dass ich sofort Bescheid weiß … Die Stimme ist ein Stimmungsträger.“ (1)
Ja, Hören ist mehr als nur die Aufnahme von ausgesprochenen Informationen, wir können auch Zwischentöne heraushören, wenn wir ein offenes Ohr für jemanden haben, ihm unser Ohr schenken, ganz Ohr für ihn sind. In welcher Stimmung ist der Sprecher, welche Absichten, welche unausgesprochenen Botschaften schwingen möglicherweise mit. Und natürlich muss uns klar sein, dass wir vor manchen und manchem unsere Ohren verschließen, taub sind für jemanden oder etwas.
Davon weiß schon das AT. Schon die Geschichte vom Paradies … erzählt von Ohren, die sich den Worten Gottes verschließen … Immer wieder verzweifeln später Propheten daran, dass das Volk Israel sich den Weisungen Gottes verschließt und anderen Stimmen folgt. So klagt der Prophet Jeremia im 5. Kapitel seines Buches, dass das Volk zwar „Ohren hat, aber nicht hört“. …
Naja, das Volk hört schon, aber es zieht keine Konsequenzen daraus bzw. die falschen. Im Deutschen wird das sehr schön deutlich an der doppelten Bedeutung des Wortes „hören“. Wenn mein Vater mich vorwurfsvoll fragte „Kannst du nicht hören“, zweifelte er nicht an meiner Hörgesundheit, sondern an meiner Bereitschaft zu gehorchen. Es ist nicht nur unsere Bequemlichkeit, die uns die Ohren zuhält, manchmal sind es auch Zweifel. Goethe schreibt im „Faust“: „Die Botschaft (gemeint die Osterbotschaft) hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!“
Der von mir geschätzte Kieler Tatort-Kommissar Borowski – eindrucksvoll gespielt von dem Schauspieler Axel Milberg – pflegte sich am Telefon zu melden mit „Ich höre“. Da stand gefühlt auch eher die Tatsache im Mittelpunkt, dass er über diese Fähigkeit verfügt. Sonst hätte er vielleicht gesagt „Ich höre dich“. Hören stiftet eigentlich eine Beziehung zu jemandem oder zu etwas. Und wenn es Gott und seine Gebote sind …
Darum finden sich besonders in den Psalmen immer wieder Bitten um ein offenes Herz und damit offene Ohren für Gottes Weisungen.
Das ist auch der Hintergrund, auf dem das NT von Jesus … erzählt. … Bei der Heilung von tauben Menschen geht es um mehr als die Beseitigung eines körperlichen Handicaps. Die Öffnung der Ohren öffnet zugleich auch das Herz und ermöglicht eine neue Beziehung zu Gott. Gleichzeitig sind diese Heilungen eine starke Aufforderung an die, deren Ohren gesund, aber deren Herzen verschlossen sind. Auch sie sollen sich der Botschaft Jesu öffnen.
Auch die Gleichnisse, die Jesus erzählt, sollen diese Neuausrichtung auf Gott bewirken – so, wenn er das Gleichnis vom Sämann (Markus 4) beschließt mit dem Ruf „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“(2)
Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass unsere Gottesdienste geprägt sind vom vorgelesenen, gepredigten, gesungenem und gesprochenem – auch gemeinsam gesungenem und gesprochenem – Wort, das auch „auf offene Ohren“ stoßen, sie öffnen soll.
Der kath. Priester Wilhelm Willms hat in seinem Gedicht „Wussten Sie schon“ die diakonische und seelsorgerliche Seite des Hörens, besonders des Zuhörens angesprochen. Dort heißt es u.a.:
Wussten Sie schon,
dass die Stimme eines Menschen
einen anderen Menschen wieder aufhorchen lässt,
der für alles taub war?
…
Wussten Sie schon,
dass das Anhören eines Menschen
Wunder wirkt, …
Psychologen/innen bieten ja nicht ohne Grund Gesprächstherapien an, bei denen die Experten vor allem erst einmal – zuhören.
Dieses „Ganz-Ohr-Sein“ für den anderen ist Voraussetzung für jede Art von Hilfe, nicht nur Voraussetzung für die professionelle Hilfe, die Diakonisches Werk und Seelsorger/innen leisten (Hinweis Diakonie-Gottesdienst 6.9., 10 Uhr St.Pankratius).
Für jede/n Christen/in sollte dieses „diakonische Hinhören“, dieses Offensein und An-sich-Heranlassen dazugehören. Diese Haltung muss nicht immer gleich in eine große Aktion münden, sie ist uns auch dann ans Herz gelegt, wenn wir nichts tun können, keine Lösungen haben.
Eine kleine Geschichte zeigt, wie klein und doch heilsam es sein kann, einen Menschen in seiner Not an sich heranzulassen, zuzuhören und sich selbst dabei ganz einfühlsam mit ins Spiel zu bringen: Der Nachbar eines Mädchens hatte gerade seine Frau verloren. Als es den Mann weinen sah, ging die Kleine zu ihm und setzte sich einfach auf seinen Schoß. Als ihre Mutter sie später fragte, was sie zu ihm gesagt habe, sagte sie: „Gar nichts, ich habe ihm nur beim Weinen geholfen.“ (Quelle: s.u.)
Aber nicht nur das Hören auf Gott und das offene Ohr für unsere Mitmenschen sollen bei dieser Betrachtung des Hörsinns eine Rolle spielen. Die folgende Anekdote – auch KI kannte sie - zeigt, dass es auch darauf ankommt, wofür wir gewohnt sind, unsere Ohren offen zu halten:
Ein Indianer aus einem Reservat besucht seinen Freund in einer lauten, hektischen Großstadt. Während sie durch die von Autolärm und Menschenmassen erfüllten Straßenschluchten gehen, bleibt der Indianer plötzlich stehen und sagt: „Ich höre ganz in der Nähe eine Grille zirpen.“
Sein weißer Freund hält das für unmöglich. Inmitten dieses tosenden Großstadtlärms könne man so ein leises Geräusch niemals heraushören. Der Indianer geht jedoch zielstrebig zu einer efeubewachsenen Hauswand, schiebt die Blätter beiseite und zeigt seinem erstaunten Freund tatsächlich eine kleine Grille.
Der Freund staunt und sagt: „Ihr Indianer habt einfach ein viel besseres Gehör als wir.“
Der Indianer schüttelt den Kopf und erwidert: „Das stimmt nicht. Das Gehör eines Indianers ist nicht besser als das eines weißen Mannes. Ich werde es dir beweisen.
Er greift in seine Tasche, holt eine Münze hervor und lässt sie auf den Asphalt fallen. Trotz des enormen Straßenlärms hinterlässt das Metall ein leises, helles Klingen. Sofort bleiben zahlreiche Passanten in der Nähe stehen, drehen den Kopf und suchen den Boden nach dem Geld ab.
„Siehst du, es liegt nicht am Gehör. Es liegt allein daran, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Wir nehmen das wahr, worauf wir eingestellt und programmiert sind.“
Gebet: (Quelle: FPH_165_18_H_ren____Aber_worauf_Strasser-L_tsch_pdf, i.A. bearbeitet)
Gott!
Jesus Christus, dein Sohn und unser Bruder, hat dir vertraut
und sein Hören und sein Tun auf deine Stimme ausgerichtet.
Er hat sein Herz weit aufgemacht für dich und für die Menschen,
denen er auf seinem Weg begegnet ist,
und sein Herz ist weit geöffnet bis zu uns heute.
Er hat dich, großer Gott, hörbar und spürbar gemacht,
sodass auch wir Hörende und Sprechende sein können
von deiner Gnade und deiner Liebe.
Dein Geist öffne unsere Ohren,
damit wir Jesu Botschaft hören.
Er öffne unseren Mund, damit wir von dir, Gott, Zeugnis geben.
Er öffne unser Herz, damit wir deine Liebe spüren und sie weitergeben.
Dieser Geist möge bei uns bleiben heute und alle Tage unseres Lebens. Amen