Freitags 5nach6 - Wunderbar gemacht_Sehen

02. Oktober 2026

484 5nach6 02.10.2026 Wunderbar gemacht_Sehen                         Ps 139

  1. O.Betz u.a. (Hg.), Calwer Bibellexikon Bd.1, Stichwort „erkennen“, Stuttgart, 2003, S. 306
  2. O.Betz u.a. (Hg.), Calwer Bibellexikon Bd. 2, Stichwort „sehen“, Stuttgart, 2003, S.1226

Auf meinem Lieblingskuli steht das Psalmwort „Du bist wunderbar gemacht“ (Ps 139, 14), wir haben es gerade gebetet. Im Regelfall nehmen wir unsere wunderbare Verfasstheit, unsere Lebens-Konstruktion unbewusst hin und halten sie für selbstverständlich. Erst, wenn etwas nicht stimmt, nicht funktioniert, dann werden wir unruhig und merken, dass unser „Wunderwerk Körper“ eben keine Selbstverständlichkeit ist.

Martin Luther hat das in seiner Erklärung zum 1. Hauptstück des Glaubensbekenntnisses sehr schön verdeutlicht:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. - Was ist das?

Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was nottut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt.

Kennen Sie das auch? Sie hören oder lesen einen Satz und denken sich: „Ah, der hätte mir damals einfallen sollen, als …“ Mir ging es erst neulich wieder so. Auf einer Postkarte las ich den Satz: „Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick oder sollen wir uns morgen erst noch einmal sehen?“

Den Satz hätte ich gerne 1973 in jenem Seminarraum in der damaligen PH Hildesheim draufgehabt, als ich meine heutige Frau zum ersten Mal sah … Ich gehe da jetzt nicht weiter in die Einzelheiten, erspare uns auch biologische Einzelheiten über das Auge und das Sehen, sondern frage „Was ist das für ein Sehen bei der Liebe auf den ersten Blick“? Was ist hier der Unterschied zwischen der optischen Wahrnehmung einer jungen Frau mit langen braunen Haaren, brauner Cordhose und ockergelbem Anorak und dem liebevollen Blick auf sie?

Zunächst das Wahrnehmen. „Ich habe es doch mit eigenen Augen gesehen!“ Das gilt gemeinhin als objektive, absolut wahre Aussage über einen Sachverhalt, einen Vorgang. Deshalb ist der Augenzeuge bei Gericht auch so wichtig. Geschätzt werden von Richtern auch Fotos. Jedoch: In Zeiten von Bildern, die mit KI manipuliert sind, sind sie auch nicht mehr das, was sie einmal waren.

Und auch wir selbst haben verzerrte, einseitige Wahrnehmungen. Sabine als Bauingenieurin sieht in unserer Kirche immer auch wachsam den Riss in der Emporenwand. Ich habe den überhaupt nicht im Blick. Mit meiner Religionslehrerperspektive achte ich viel mehr auf die Bilder und frage mich, wie ich sie in unsere Andacht einbauen kann.

Auch Vorurteile prägen unsere Wahrnehmung. In einem überfüllten Zug saß ein Punk mit viel Metall im Gesicht und am Körper direkt vor der Tür, durch die wir aussteigen wollten. Ich suchte schon nach einem anderen Ausgang, als er aufstand und uns ausnehmend freundlich beim Aussteigen half!

Ja, das Metall im Gesicht, den kleinen Splitter in seinem Auge sah ich, aber mein Vorurteil, den Balken in meinem Auge, übersah ich großzügig.

Und Sie kennen doch auch die Bilder, auf denen die einen eine alte Frau, die anderen eine junge Frau, zwei Gesichter oder eine Blumenvase zu erkennen glauben.  

So viel zur angeblich objektiven Wahrnehmung – und ihren Grenzen.

Es gibt aber auch ein Sehen, das über die oberflächliche Wahrnehmung hinausgeht, vielleicht kann man es Tiefenwahrnehmung nennen. Die Bibel nennt diese Form des Sehens „erkennen“. Sie meint u.a. eine liebevolle Form der Beziehungsaufnahme. Der Prophet Amos gibt als Wort Gottes weiter:  2Aus allen Geschlechtern auf Erden habe ich allein euch erkannt, hier im Sinne von erwählt (Amos 3,2).

Umgekehrt bleibt die liebevolle Erkenntnis Gottes durch uns Menschen bestenfalls bruchstückhaft. Im Hier und Jetzt äußert sie sich in der Liebe (1). So lesen wir im 1Johbrief (4,7f): 7Ihr Lieben, wir wollen einander lieben. Denn die Liebe kommt von Gott. Und wer liebt, hat Gott zum Vater und kennt ihn. 8Wer nicht liebt, kennt Gott nicht. Denn Gott ist Liebe.

Und wenn in unserem Altar Gott in der Dreiheit von Vater, Sohn und Heiligem Geist als Dreieck dargestellt wird, aus dem uns ein Auge anschaut, dann ist das nicht der Kontrollblick, sondern ein fürsorgliches „Ich habe ein Auge auf dich“.

So wie Gott zu Mose sagt (2Mos 3,7f): 7Der Herr sprach: »Ich habe die Not meines Volks in Ägypten gesehen. … 8Deshalb bin ich herabgekommen, um sie aus der Gewalt der Ägypter zu befreien. (2)

Und dann haben wir noch das visionäre Sehen. Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt soll zwar gesagt haben, dass zum Arzt gehen soll, wer Visionen hat. Jedoch: „Wo keine Vision ist, geht ein Volk zugrunde“ (Spr 29,18) oder „Wenn keine Offenbarung da ist, verwildert ein Volk.“

Vision kommt von dem lateinischen Wort „videre“, d.h. sehen, Video heißt eigentlich „ich sehe“ und die Television ist das Fernsehen.

Das hebräische Wort für „Vision“ bezieht sich hier auf eine göttliche Offenbarung, also eine prophetische Einsicht oder Weisung, die den Menschen Orientierung und Zielsetzung gibt. Wer keine Vision hat, dem fehlt es an klaren Zielen und moralischer Orientierung, wodurch sowohl Einzelne als auch ganze Völker „verwildern“ oder „zügellos“ werden. Historische und theologische Untersuchungen zeigen, dass Staaten, die sich von göttlicher oder ethischer Orientierung abwenden, oft instabil werden und ihre Werte verlieren. Die Vision dient somit als Richtschnur für Entscheidungen, Ziele und das Zusammenleben.

Eine besondere Vision sehen wir auf einem unserer Emporenbilder: Jakobs Traum von der Himmelsleiter. Jakob hat seinen Bruder Esau und seinen Vater schamlos betrogen und ist auf der Flucht. Eines Abends legt er sich am Rande der Wüste nieder, den Kopf auf einem Stein und hat eine Vision (1Mos 28, 12-15 i.A.):

12Im Traum sah er eine Leiter, die von der Erde bis zum Himmel reichte. Auf ihr stiegen Engel Gottes hinauf und herunter. 13Plötzlich stand der Herr vor ihm und sagte: »Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. … Durch dich und deine Nachkommen sollen alle Völker der Erde gesegnet sein. 15Siehe, ich bin bei dir und behüte dich überall, wohin du auch gehst. … Ich werde dich nicht verlassen, ...

Was für eine stabilisierende, motivierende Zusage!

Das visionäre Sehen des auferstandenen Christus’ ist geradezu identitätsstiftend für unseren Glauben. Und bei jeder Beerdigung erinnert uns das visionäre Wort aus der Offenbarung an unsere Auferstehung (Offb 21, 1- i.A.): 1Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. … 2Und ich sah die Heilige Stadt: das neue Jerusalem. Sie kam von Gott aus dem Himmel herab – … 3Und ich hörte eine laute Stimme rufen: »Sieh her: Gottes Wohnung ist bei den Menschen! … Gott selbst wird als ihr Gott bei ihnen sein. 4Er wird jede Träne abwischen von ihren Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz ...

Im Zusammenhang mit den Visionen müssen wir auch reden über die vor allem alttestamentlichen „Seher“, die Propheten. Sie sind weniger „Vorherseher“ einer kommenden Zukunft, als vielmehr „Hinseher“, „Ansager“ und „Mahner“, die im Auftrag Gottes hinsehen, Kritik üben, die Einhaltung des Willens Gottes anmahnen und dann allerdings auch visionär ausmalen, was andernfalls geschieht.

Auf diese Tradition geht zurück die Rede vom Wächteramt der Kirche. Es bezeichnet die theologische und gesellschaftliche Aufgabe der Kirche, das Geschehen in Politik und Gesellschaft kritisch zu beobachten, Missstände anzusprechen und an ethische Werte zu erinnern. Die Kirche soll unabhängig vom Staat handeln und ihre Stimme für Schwache oder Benachteiligte erheben. Sie soll sich einsetzen für Frieden, Menschenwürde, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Propheten des Alten Testaments und Kirchen heute können also Menschen die Augen öffnen für etwas, für das sie bisher blind waren.

Also – unsere Augen sind wahre Wunderwerke, Wunderwerkzeuge der Wahrnehmung. Aber zum Sehen gehört mehr.

Der großartige Antoine de Saint Exupéry lässt den Fuchs in im „Kleinen Prinzen“ sagen: „Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Man sieht nur mit dem Herzen gut.“

Und manchmal geschieht es sogar auf den ersten Blick.

Gebet:

Gott ich bitte dich: Öffne meine Augen.

  • Schenke mir einen klaren Blick, um die Wirklichkeit zu erkennen.
  • Bewahre mich davor, gleichgültig wegzuschauen, wo Not ist.
  • Erleuchte die Augen meines Herzens, damit ich deine Liebe spüre
    und die Menschen ansehe, wie du sie ansiehst.
  • Nimm den Schleier von meinen Gedanken,
    wenn Sorgen oder Eile meinen Blick für das Gute trüben.

Lass mich dein Wirken in den kleinen Momenten des Lebens entdecken. Amen.

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St. Johannis Königsdahlum