479 5nach6 14.08.2026 Vaterunser 4 - 5. und 6. Bitte Ps 27
Schuld - und Vergebung - eines der ganz großen Themen der Menschheit, das allerdings gerne totgeschwiegen wird, weil ein Entkommen aus Schuldzusammenhängen unmöglich erscheint.
Deshalb schreibt Martin Luther auch in seiner Erklärung zur 5. Bitte des Vaterunser:
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Was ist das?
Wir bitten in diesem Gebet, dass der Vater im Himmel nicht ansehen wolle unsere Sünden und um ihretwillen solche Bitten nicht versagen, denn wir sind dessen nicht wert, was wir bitten, haben's auch nicht verdient; sondern er wolle es uns alles aus Gnaden geben, obwohl wir täglich viel sündigen und nichts als Strafe verdienen.
… obwohl wir täglich viel sündigen und nichts als Strafe verdienen … So ist das wohl. Dabei ist jede schuldhafte Störung der Beziehung zu einem anderen Menschen – wodurch auch immer – in christlichem Verständnis jedes Mal auch eine Störung der Beziehung zu Gott, weil der Andere ja auch Gottes geliebtes Kind ist. Diese Störung bezeichnen wir als Sünde. Deshalb sind wir - wie Luther sagt - auf die unverdiente, geschenkte Gnade Gottes angewiesen.
Martin Luther hat auch gesagt, wir Menschen seien Sünder, sofern wir nur auf uns sehen – doch zugleich seien wir auch Gerechte wegen der Gnadenverheißung Gottes, wenn wir auf ihn blicken und von ihm aufgerichtet werden. (G.Sauter, Sünde und Vergebung, in: N.Dennerlein u.a. (Hg), Ev. Glaubensfibel, Gütersloh, 2006, S.73).
Wie umfassend unsere Verstrickung in Schuld- und Sündenzusammenhänge ist, macht Gerd Theißen deutlich (G.Theißen, Glaubenssätze, Gütersloh, 2012, S.189):
In den Verteilungskampf um Lebenschancen werden wir alle schuldig. Wir sind (neben allem persönlichen Versagen, UG) verstrickt in ein ungerechtes System. Wir ahnen: Unser geordnetes und erfolgreiches Leben steht in Zusammenhang mit denen, die in unserer Gesellschaft scheitern. Wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Die Spielregeln sind unfair. Wer am Spiel teilnimmt, bestätigt sie gegen (!) seinen Willen.
Und als ob das nicht alles schon schwierig genug wäre, enthält diese 5. Bitte noch einen zweiten Teil: wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Luther sagt dazu – im Glauben an die gnädige Vergebung Gottes:
So wollen wir wiederum auch herzlich vergeben und gerne wohltun denen, die sich an uns versündigen.
Uff.
… herzlich vergeben und gerne wohltun denen, die sich an uns versündigen.
Was für ein Vorsatz, was für ein Anspruch – auch wenn er klar aus unserer eigenen Vergebungsbedürftigkeit abgeleitet ist. Wie kann das in unserem Alltag gehen?
Von meinem Vater kenne ich den Spruch: Ich bin nicht nachtragend, aber ich vergesse auch nicht. Das ist vielleicht ein Anfang.
Ich weiß, dass die Erinnerung, dass Narben von erlittenem Unrecht bleiben. Aber ich kann vielleicht dem anderen nicht auf ewig seine Schuld hinterhertragen und diese Schuld zwischen ihm und mir stehen lassen. Denn dessen Schuld belastet auch mich – ständig habe ich sie vor Augen, ständig fühle ich mich als Opfer, ständig werden mein Fühlen, Denken und Handeln davon bestimmt.
Auch das hat der DDR-Sänger Wolf Biermann 1968 vielleicht gemeint, als er dichtete: Du, lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit. Die allzu hart sind, brechen, die allzu spitz sind, stechen und brechen ab sogleich.
Das Verfangen-Bleiben in der Schuld des anderen macht mich ein zweites Mal zum Opfer. Vergebung dagegen kann zu einer Selbstbefreiung führen! Es gibt jede Menge Beispiele! Ehemalige KZ-Häftlinge, die ihren SS-Peinigern vergeben, Eltern, die dem Mörder ihres Kindes vergeben, ehemalige DDR-Bürger, die den Stasi-Angehörigen vergeben, die sie bespitzelt, ihnen das Leben schwer gemacht, sie gefoltert haben.
Leichter fällt das Vergeben, wenn der Schuldige die fünf Bs beherzigen kann:
Bekennen. Die eigene Schuld erkennen, anerkennen und auch offen ansprechen. Das scheint mir der schwierigste Schritt zu sein.
Bereuen. Glaubhaft machen, dass man seine Verfehlung zutiefst bedauert, dass es einem wirklich leidtut, weil man das Leid des Opfers sieht und spürt.
Bitten. D.h. mein Opfer aufrichtig um Vergebung bitten. Ein mit abgewandtem Gesicht genuscheltes „Tschulligung“ reicht da nicht. Und man bittet den anderen um die Gewährung von „Ent-Schuldigung“, ich kann mich nicht selbst entschuldigen.
Büßen. Eigentlich bedeutet das Wort so viel wie „Umkehr“. Hier meint es, dass ich mein Verhalten ändern und verhindern will, dass sich mein Fehlverhalten wiederholt.
Bessern. Ich will nicht nur mich bessern, ich will auch die Lage meines Opfers und die Beziehung zu ihm verbessern – vielleicht durch einen Schadensersatz, eine Wiedergutmachung o.Ä.
Nun zur sechsten Bitte im Vaterunser: Und führe uns nicht in Versuchung. Was ist das denn für ein Begriff? Versuchung!? Aus dem alltäglichen Sprachgebrauch ist er weitgehend herausgefallen.
Ich habe mich spontan an einen alten (1973), über 40 Jahre sehr erfolgreichen Werbeslogan erinnert: „Milka - die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt“. Wikipedia erklärt den Begriff so: Eine Versuchung ist der Anreiz oder die Verleitung zu einer Handlung, die reizvoll erscheint, jedoch unzweckmäßig ist, einer sozialen Norm widerspricht bzw. verboten ist.
Es ist also ein Impuls, der von außen kommt, aber es liegt ja doch in meiner Entscheidungsmacht, ob ich diesem Reiz nachgebe oder eben nicht. Gerne schieben wir unsere Verantwortung für unsere Entscheidung und das daraus folgende Handeln von uns weg auf den „übermächtigen“ Reiz. Schlimmste Beispiele dafür sind Sexualstraftäter, die die Verantwortung für ihre Taten z.B. in der – angeblich – aufreizenden Kleidung ihrer Opfer sehen.
Schon Luther kannte diese Auslagerung der Verantwortung und wusste sich dabei in „bester“ biblischer Tradition. Im AT ist es die Schlange, die Eva veranlasst, das Gebot Gottes zu verletzen. Im NT steht die Erzählung, in der der Teufel Jesus verleiten will, von Gottes Weg abzugehen (z.B. (Mt 4,1-11). Und im Laufe der Christentumsgeschichte wurden zahllose Bemühungen angestellt, diese Figur möglichst phantasievoll und bedrohlich auszumalen. Das Wort ruft sofort bestimmte bildliche Vorstellungen in uns wach.
Ich selbst bin gegen diese Auslagerung der Versuchung in eine Person außerhalb meiner selbst. „Teufel“ - oder ich sage lieber „das Böse“ – ist die Möglichkeit in mir, böse, d.h. gegen Gottes guten Willen für uns zu handeln.
Luther steht natürlich ganz im Geist der damaligen Vorstellungen. In seinem Kleinen Katechismus schreibt er:
Gott versucht zwar niemand; aber wir bitten in diesem Gebet, dass uns Gott behüte und erhalte, damit uns der Teufel, die Welt und unser Fleisch nicht … verführe in Missglauben, Verzweiflung und andere große Schande und Laster; und wenn wir damit angefochten würden, dass wir doch endlich gewinnen und den Sieg behalten.
Wobei das heute weitgehend unbekannte Wort „Missglauben“ steht für falschen Glauben, Unglaube oder Aberglaube.
Interessant finde ich, dass Luther die Verantwortung für eine Versuchung nicht nur beim Teufel sieht, sondern auch in unserer Lebenswelt („Welt“) und in uns selbst („Fleisch“).
Der bereits verschiedentlich zitierte zeitgenössische Theologe Gerd Theißen bezieht in seine Betrachtung die gesellschaftliche Wirklichkeit mit den Möglichkeiten der Fake News, der sog. „alternativen Wahrheiten“ und sonstige Manipulationsstrategien ein (G.Theißen, Glaubenssätze, Gütersloh, 2012, S.190).
Als der Versucher an Jesus herantrat, versuchte er ihn mit Bibelzitaten.
(Heute werden angeblich) unbestreitbare Wahrheiten zur Versuchung.
Unbestreitbar ist Leben ein Verteilungskampf, den wir nur unvollkommen begrenzen.
Unbestreitbar überfordert es unser Gewissen, wenn wir uns für alles verantwortlich fühlen.
Unbestreitbar ist, dass wir die Welt nur begrenzt verändern können.
Deshalb sagt die Stimme der Versuchung:
Wenn du deinen Teil im Verteilungskampf des Lebens ergattert hast,
wenn du genug an Nahrung, Bildung, Besitz und Ansehen hast, was kümmern dich die anderen!
Du kannst ihnen ohnehin nicht helfen.
Wir werden versucht durch einleuchtende Wahrheiten.
Wir vergessen, dass wir das Leben Gott verdanken.
Von ihm haben alle das gleiche Lebensrecht.
Eine Seniorengruppe formulierte ähnlich wie Martin Luther Einschübe zwischen die Zeilen des Vaterunser auf dieser Grundlage folgendermaßen:
I. Vater unser im Himmel II. Wir wissen, Gott ist ewiger Vater und ewige Mutter; wir sind Kinder und dürfen getrost und mit Zuversicht bitten.
I. Geheiligt werde dein Name. II. Wir bitten um Kraft, Gottes Liebe nicht zu missbrauchen.
I. Dein Reich komme. II. Wir sehnen uns nach Freiheit von der Gewalt des Bösen.
I. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. II. Gott hat die Kraft, alles Böse zu zerbrechen und zu verhindern; dass wir mit ihm gemeinsame Sache machen, ist sein Wille.
I. Unser tägliches Brot gib uns heute. II. Wir erkennen, dass wir alle Gaben von ihm haben und sind dankbar dafür.
I. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
II. Wenn Gott uns strafen wollte, würden wir täglich Strafe verdienen; doch er liebt uns bedingungslos; so wollen wir auch zu denen gut sein, die uns Böses tun.
I. Und führe uns nicht in Versuchung. II. Wir bitten um Kraft und Stärke, damit wir uns nicht wegreißen lassen von der Nähe zu Gott.
I. Sondern erlöse uns von dem Bösen. II. Aber er soll uns wegreißen von allem, was uns schadet.
I. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
II. Wir sind gewiss, Gott hört unsere Bitten; denn er selbst hat uns aufgefordert so zu beten. Amen, Amen, das heißt: Ja, ja, so soll es geschehen.