Freitags 5nach6 - An ihren Früchten 2

10. Juli 2026

474 5nach6 10.07.2026 An ihren Früchten 2                  Ps 145

Ist man Christ, wenn man sagt, dass man bestimmte Texte auswendig kann und glaubt? Jesus sagt in der Bergpredigt:

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ … (Mt 7,16–20) in der Bibel. Es bedeutet, dass man den wahren Glauben, den Charakter von Menschen, … nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten und deren Auswirkungen („Früchten“) erkennen kann.

Soweit, so gut. Aber wie handle ich christlich? Die Grundregel hat Jesus selbst formuliert:

»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (Lk 10,27).

„Naja“, werden manche sagen, „‘lieben‘ ist ein dehnbarer Begriff … Es gab und gibt Leute, die aus Liebe – z.B. zum Vaterland – Kriege anzetteln!“

Jesus wird konkreter. Im Gleichnis vom Weltgericht sagt er (Mt 25) – darüber haben wir am letzten Freitag gesprochen:

… ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben.
Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben.
Ich war ein Fremder, und ihr habt mich als Gast aufgenommen.
Ich war nackt, und ihr habt mir Kleider gegeben
Ich war krank, und ihr habt euch um mich gekümmert.
Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht
.

Und er setzt noch einen drauf. Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind –, das habt ihr für mich getan.‹ … Was ihr für andere nicht ge-tan habt – und wenn sie noch so unbedeutend waren–, das habt ihr für mich nicht getan!

Interessant, nicht wahr? Jesus identifiziert sich mit den Menschen, setzt sich mit ihnen gleich, die in Not sind, Hilfe brauchen. Hier wird die Verbindung von Nächstenliebe und Gottesliebe ganz anschaulich!

Zurück zu diesen sechs „Werken der Barmherzigkeit“ … Die Kirche hat später noch ein siebtes dazu genommen, nämlich „Tote beerdigen“.

„Nun gut“, könnte man sagen, „aber für alle diese Notlagen gibt es seitens der Kirchen und in der Gesellschaft doch Profis. Immerhin – und nicht zuletzt dank dieser biblischen Hintergründe - leben wir in einem Sozialstaat. Diakonie und Brot für die Welt, Kleiderkammern, Krankenhäuser und Seniorenheime, Bestatter – es ist doch alles geregelt!“

Ja, aber: Was ist mit den Menschen, die unterhalb des Radars der Profis in Notlagen leben? Da ist eben doch der barmherzige Nächste gefragt!

Beim Blick auf die sichtbaren Nöte können andere, innere Nöte schnell aus dem Blick geraten oder gar nicht erst in den Blick kommen. Doch Barmherzigkeit wendet sich dem ganzen Men­schen zu, den leib­lichen und den seelischen Nöten. Deshalb sind später die sog. geistig­en Werke der Barmherzigkeit hinzugekommen. Sie richten unsere Auf­merksam­keit auf die geistige und geist­liche Ar­mut, in der viele Men­schen unserer Zeit nach Zu­spruch, Nähe und Ver­ständ­nis suchen.

Die sieben geistigen Werke der Barmherzigkeit sind

 

  • Unwissende lehren
  • Zweifelnde beraten
  • Trauernde trösten
  • Sünder zurechtweisen
  • Beleidigern gern verzeihen
  • Lästige geduldig ertragen
  • für Lebende und Verstorbene beten

 

 

Papst Franziskus schlug 2016 vor, die körperlichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit um die Sorge um die Schöpfung zu erweitern.

Dafür gibt es neben Profis (Pastoren/innen, Beratungsstellen, Schulen – auch kirchliche – jede Menge Menschen, die sich in diesen Bereichen ehrenamtlich engagieren. Und doch sind auch wir als einzelne Christen/innen in diesem Feld besonders herausgefordert. Schauen wir etwas genauer hin:

  • Unwissende lehren

Klingt einfach. Das machen die Lehrer/innen in den Schulen. Und überhaupt – wenn ich etwas nicht weiß, frage ich KI.

 

Da fängt es an. Es geht heute gar nicht nur darum, Wissenslücken zu füllen. In Zeiten von „alternativen Tatsachen“, die auch gerne mal im Gegensatz zu belastbarer wissenschaftlicher Erkenntnis stehen können, in Zeiten von Verschwörungstheorien und Desinformation – also gezielter Falschinformationen – geht es darum, genau in diesem Dschungel lebens- und überlebensfähig zu werden.

 

  • Zweifelnde beraten

Ach, der Zweifel ist nicht von vornherein etwas Schlechtes! Gerade in der Auseinandersetzung um die Wahrheit hilft er durch aus.

 

Der Schriftsteller Bertold Brecht hat sogar ein höchst lesenswertes Gedicht geschrieben mit dem Titel „Lob des Zweifels“! Darin findet sich folgender Gedanke:

Freilich, wenn ihr den Zweifel lobt

So lobt nicht Das Zweifeln,

das ein Verzweifeln ist!

 

Verzweifelnde, an ihrer Not, an der eigenen Person, an der gesellschaftlichen Lage, an der deutschen Fußballnationalmannschaft Verzweifelnde, ja, die brauchen vielleicht Beratung. Wobei sich immer die Frage stellt, wo anzusetzen ist – bei der Person, die verzweifelt ist, oder bei den Ursachen für die Verzweiflung.

 

Und dann gilt: Beraten werden kann nur, wer beraten werden will. Viele Verzweifelnde gelangen gar nicht in eine fachkundige, professionelle Beratung, weil ihnen – vorerst – Kenntnis und Bereitschaft fehlen. Hier, in diesem Vorfeld, sind wir gefragt: Den Nächsten wahrnehmen, empfindsam sein für dessen mögliche Verzweiflung, behutsame Ansprache und – vielleicht – ein vorsichtiges Wecken von Bereitschaft, sich beraten zu lassen.  

 

  • Trauernde trösten

Ja, richtig. Aber das ist ein hoher Anspruch an mich selbst, aber u.U. auch an den Traurigen, der vielleicht noch ein wenig Zeit in seiner Untröstlichkeit benötigt. Übereifriger Trost kann dem Traurigen auch die Luft abschneiden. Gemeinsames Schweigen, gemeinsames Trauern und Weinen oder ein einfaches „Ich bin für dich da“, ja, ein Korb Erdbeeren vor der Tür – auch das kann tröstlich sein.

 

Oh, das können wir bestimmt alle gut! Und wir machen das auch gewiss gerne! Aber Vorsicht ist angesagt! Jesus warnt vor Überheblichkeit:

„Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge? [...] Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen“ (Lk 6, 41f).

 

Kritik, in der der Kritiker sich über den anderen erhebt, die den anderen in Grund und Boden stampft und nur um das Fehlverhalten kreist, also in der Problemlage verharrt, die wird nicht weit führen.

 

„Zurechtweisen“ – d.h. ja eigentlich, jemandem den rechten, den richtigen Weg zeigen. Die Zurechtweisung bleibt also nicht stehen bei einem Fehlverhalten und seiner begründeten Verurteilung, sie wird auch aufbauend, weist einen Ausweg aus der Verstrickung in das Fehlverhalten. So wie Jesus das im Gleichnis von der Ehebrecherin tut (Joh 8, 1-1).

 

  • Beleidigern gern verzeihen

Zu verzeihen ist doch schon schwierig genug, aber dann auch noch gern verzeihen?!

 

Wenn es gut läuft, hat der Beleidiger vorher eingesehen, dass er zu weit gegangen ist, hat das eingeräumt, um Verzeihung gebeten, Besserung gelobt und vielleicht sogar Wiedergutmachung angeboten. Dann fällt das Verzeihen eher leicht.

 

Wenn es schlecht läuft, verharrt er in seiner „Stinkstiefelrolle“ – und ich stehe da. Und genau das ist es. Ich stehe da, komme nicht vom Fleck, hänge wie gelähmt im Bann dieser Beleidigung. Hier kann Verzeihung, die normalerweise den Beleidiger entlastet, zu einer Selbstentlastung, zu einer regelrechten Befreiung führen. Ich muss die Beleidigung nicht vergessen, aber ich kann mich durch Verzeihen von ihr insoweit befreien, dass ich meinen Lebensweg entlastet weitergehen kann.

    

  • Lästige geduldig ertragen

Noch so eine „Wahnsinnsforderung“!

 

Zunächst: Wer lästig ist, fällt nicht einfach mir zur Last, er trägt u.U. selbst an einer Last, die ihn auch für andere zu einer Last werden lässt. Wenn ich das weiß, fällt es vielleicht nicht mehr ganz so schwer, zu dulden, also etwas zuzulassen, ohne dass ich begeistert bin. Duldung schließt ja durchaus ein gewisses Leiden ein.

 

Und wenn ich mir klar mache, dass der Lästige zu mir kommt, weil er sich von mir etwas erwartet, weil er mir Hilfe zutraut, dann macht mich das vielleicht schon duldsamer und geduldiger – und womöglich auch dankbar, weil ich in seinen Augen weniger belastet bin.   

 

  • für Lebende und Verstorbene beten

Das wird unterschätzt – und deshalb will ich das auch gar nicht zerreden, sondern Sie zum Gebet einladen.

Gebet für den Frieden (Hl. Franz von Assisi)
Herr, mach mich zu einem Werkzeug Deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten,
nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

 

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St. Johannis Königsdahlum