470 5nach6 05.06.2026 Glaubenswege
Pfingsten wird nicht nur gerne als Geburtstag der Kirche betrachtet und entsprechend gefeiert. In Erinnerung an die Pfingsterzählung in der Apostelgeschichte wird Pfingsten auch gerne getauft. Heißt es doch dort (Apg 2, 41):
Viele nahmen die Botschaft an, die Petrus verkündet hatte, und ließen sich taufen.
An diesem Tag gewann die Gemeinde ungefähr 3000 Menschen hinzu.
Wer getauft ist, gehört zur Kirche. Aber ist er dann automatisch Christ/in? Rechtlich ja, aber wie diese Mitgliedschaft gelebt wird, das ist durchaus unterschiedlich. Muss nicht auch eine gewisse Überzeugung und ein in diesem Sinne überzeugendes Handeln hinzukommen? Wer dem SV Ambergau angehört und die Tore des Gegners bejubelt, ist irgendwie schon unglaubwürdig.
Kann man Christ sein, wenn man getauft ist (also Kirchenmitglied ist), aber nicht an Gott glaubt? Das geschieht tausendfach …
Kann man an Gott glauben und aus der Kirche austreten? Auch das gibt es, auch wenn ich das persönlich schwierig finde.
Woran liegt diese merkwürdige Widersprüchlichkeit?
Sie liegt daran, dass Glaube nicht etwas ist, dass man von einem bestimmten Zeitpunkt an (z.B. Taufe, Konfirmation) zu 100 % hat und dann für immer behält. Glaube ist ein durchaus wechselvoller Prozess und er endet erst mit dem letzten Atemzug.
Die Autorin Susanne Kilian beschreibt das am Beispiel von Frau Bertold:
Susanne Kilian, Frau Bertolds wechselhafte Beziehungen zum lieben Gott
Als Frau Bertold ein kleines Mädchen war und noch Lotte Gerhard hieß, waren ihre Beziehungen zum lieben Gott gut. Überhaupt stellte sie ihn sich so vor: erst einmal und vor allen Dingen lieb. Als alten weißhaarigen Mann mit ebenso weißem Rauschebart. Irgendwie ähnelte das Bild, das sie sich von ihm machte, ein wenig dem Weihnachtsmann.
Dass er auch zornig sein konnte, erfuhr sie später. Als sie in den Kommunionunterricht ging und lernte, dass Sünden, wie zum Beispiel das Lutschen eines geklauten Bonbons oder das Essen von Fleisch an einem Freitag, gebeichtet und gesühnt werden müssen.
Da fingen ihre Beziehungen zum lieben Gott an, wechselhaft zu werden.
Manchmal liebte sie ihn: Wenn sie in der Kirche war und der Weihrauch duftete und der Kirchenchor sang und alles war festlich und feierlich im Flackern der Kerzen und Murmeln der Gebete.
Manchmal fürchtete sie ihn: Wenn sie ihre kleinen Kindersünden beichten musste und sich schon im Fegfeuer büßen sah wegen einer ungehorsamen Antwort gegen die Mutter. Oder noch viel schlimmer: sich in der Hölle in einem großen Topf braten sah. (Jedenfalls stellte sie sich das damals so vor.) Besonders schwere Strafe für besonders schwere Vergehen.
Trotzdem. Lotte Gerhard war nicht gerade ein frommes Kind. Zu ihrer Zeit ging man eben jeden Sonntag in die Kirche. Das gehörte sich so. Und dass man zur Kommunion oder zur Konfirmation zu gehen hatte, verstand sich auch von selbst. Da wurde nicht viel gefragt. Schon gar nicht die Kinder.
Und als aus Lotte Gerhard dann Frau Bertold wurde – klar, nicht nur Standesamt, nein: weiße Hochzeit mit Schleier, Myrtenkranz und allem Drum und Dran in der Kirche.
Nun war Frau Bertold erwachsen. Der liebe Gott ihrer Kindheit rückte in immer fernere Himmel. Sonntags hatte sie keine Zeit mehr, in die Kirche zu gehen. Das Essen war zu kochen. Da waren die kleinen Kinder, die sie versorgen musste. Ihre Beziehungen zum lieben Gott schliefen ein bisschen ein. Ein Kirchenbesuch zu Weihnachten, mal einer zu Ostern. Hier und da ein bittendes Gebet, wenn sie gar nicht weiter wusste. Manchmal dann, wenn das Übel vorbei war, ein Dankgebet. Voll schlechten Gewissens, weil sie so wenig an Gott dachte.
Aber ihre Kinder waren getauft. Sie gingen jeden Sonntag zur Kirche. Das gehörte sich so. Das musste sein. „Also, was ihr später macht, das ist eure Sache. Aber solange ihr Kinder seid, habt ihr jeden Sonntag in die Kirche zu gehen. Das schadet euch nicht. Das kann euch nur nützen“, pflegte sie zu ihren Kindern zu sagen, wenn sie maulten. Ja.
Je älter Frau Bertold wurde, desto blasser und blasser wurde das Bild, das sie sich vom lieben Gott machte. Überhaupt, lieb war er schon lange nicht mehr für sie. Er war einfach Gott. Und es war ihr sehr, sehr zweifelhaft, ob es ihn überhaupt gab. Da brauchte sie nur an das schreiende Unrecht und die schweren Schicksale zu denken, die es überall in der Welt gibt. Wenn es einen lieben Gott gäbe, dann dürfte er so etwas nicht zulassen.
Jedem, der es hören wollte, sagte sie: „Also, nehmen Sie doch mal unsere Kirchensteuer. Da bezahlen wir Kirchensteuer. Und was machen sie damit? Paläste von Kirchen bauen sie. Immer neue. ... Und in den Kirchen ist auch ein Reichtum wie Gott weiß was! Und die Armen? Würden sie lieber für die was tun! Schließlich ist unser Herr Jesus in `nem ärmlichen Stall geboren. Ohne Prunk und Pracht. Wenn der gewusst hätte, was die mal für `nen Protz draus machen! Nein, nein, die ganze Kirche mit allem, was dazu gehört, kann mir gestohlen bleiben. Das ist meine Meinung! Jawoll!“
Für eine Zeitlang war Gott aus dem Leben Frau Bertolds ganz verschwunden. Später waren ihre Kinder verheiratet. Der Sohn in Amerika. Die Tochter in einer anderen Stadt. Alle beide weit weg von ihr. Sie hatte Enkelkinder. Aber die kannte sie nur von Fotos.
Da starb ihr Mann. Sie war allein. Ganz allein. Und dann wurde sie auch noch krank. So krank, dass sie sich nicht mehr allein versorgen konnte und in ein Pflegeheim musste. Es war ein preiswertes, von Nonnen geleitetes Heim. Ein anderes hätte sie sich gar nicht leisten können. Und überall hingen Heiligenbilder und Kreuze und eine Kapelle gab es auch. Jeden Sonntag wurde dort eine Messe gelesen für die Kranken. Ausschließen konnte sie sich da nicht. Auch nicht, wenn morgens, mittags und abends vor und nach dem Essen gebetet wurde. Das ging einfach nicht. Die Nonnen waren so nett. Und Frau Bertold mochte sie nicht kränken und außerdem: Sie war jetzt so allein. Und einsam.
Manchmal, in der Nacht, wenn sie wach lag und nicht wieder einschlafen konnte, quälte sie der Gedanke, dass sie nicht mehr gesund werden würde. Dass sie bald sterben müsste. Der Tod machte ihr solche Angst.
Sie fühlte sich schwach und hilflos wie ein winziges Kind. Und hoffte nur eins: es gibt ihn, den lieben Gott. Er wird mir verzeihen, dass ich eine Zeitlang ungläubig war. Er wird mich hoffentlich in den Himmel kommen lassen. Wird er das?
Der Gedanke an den alles verzeihenden, lieben, gütigen Gott ihrer Kindertage in einem hellen, lichten, fröhlichen Himmel war ihr einziger Trost. Für Frau Bertold gab es ja sonst nichts mehr.
Ihre Beziehungen zum lieben Gott, einmal wieder aufgenommen, wurden so gut wie niemals zuvor. Jedenfalls von ihrer Seite.
Aus: Deutscher Katecheten-Verein, Zielfelder RU 7/8, München, 1977, S.142f
Von Gottes Seite waren sie immer stabil geblieben.
Die Erzählung von Susanne Kilian stammt aus einem Religionsbuch aus dem Jahr 1977, ist als vermutlich noch älter als 50 Jahre. Sie spiegelt wider, wie sich Glaubenseinstellungen seinerzeit entwickelt haben. Bei mir war das in gewisser Weise noch ähnlich.
Heute ist das sehr anders. Vielen Kindern und Jugendlichen sind Kirche, Christentum und Glaube fremd. Da ist einfach eine leere Stelle, eine Lücke.
Ich habe mir einmal vorgestellt, wie das für einen Jungen ist, der da so eine Lücke hat, wenn er unsere St.Johanniskirche betritt. Schaut euch beim Vorlesen ruhig um:
Kevin geht in die Kirche
Wo Kevin früher gewohnt hat, gab es auch so ein großes Haus. Kirche. Ist aber kaum einer hingegangen. Er war noch nie dort. Heute muss er. Die Mutter von Mamas neuem Freund – vielleicht seine neue Oma - will ihn unbedingt mitnehmen. Mama hat ihn so bittend angeguckt, dass er mit gequältem Blick mitgegangen ist.
Riesig, das Teil, aber zu. Keine Klingel, kein Namensschild. Angeblich wohnt hier Gott, sagt die neue Oma. „Großer Gott!“ Das sagen Erwachsene manchmal. Heißt der mit Vornamen „Großer“? Vielleicht ein Doppelname oder wie bei „Karl der Große“ aus dem Geschichtsunterricht. Komisch.
Sie gehen durch eine große Holztür. Hier drin ist es wie in einem Burgturm. Cool. Ja, und kalt ist es auch. Aber hier hängt ein Schild mit Namen an der Wand. Haben die hier mal drin gewohnt? Dann kommt noch eine Tür, aus Glas. Links daneben steht die Kasse. Muss man hier Eintritt bezahlen? Aber wie viel? Ob es für Schüler umsonst ist? Was wird denn hier wohl geboten?
Kevin geht hinter seiner Oma durch die Glastür. Krass, fast so groß wie die Sporthalle in seiner Schule. Eine Tribüne haben die hier auch, sogar mit Bildern. Ist aber keine Werbung. Komische Bilder. Aber sonst sind die Wände ziemlich kahl. Poster würden hier gut aussehen. Na, vielleicht auch nicht.
Sport kann man hier drin jedenfalls nicht machen. Alles ist vollgestellt mit Stühlen – nebeneinander und so, dass alle nach vorn gucken müssen. Das ist wie in der Schulaula. Da müssen sie leise sein und zuhören, wenn der Rektor vorn etwas sagt. Das ist meist ziemlich ätzend. Ob das hier auch so ist?
Da vorn steht so ein komisches Holzteil. Ob von da jemand redet? Vielleicht wird hier etwas verkauft oder versteigert, wie bei ebay. Jedenfalls scheint das, was daneben an der Wand hängt, die Preisliste zu sein: „508,1.“ Die Null fehlt. Stolze Preise haben die. Ist nichts für ihn, sie haben nur Bürgergeld.
Still ist es hier. Kein Gedudel wie im Supermarkt. Nicht schlecht. Vorn auf dem Tisch ein riesiges Bild. Ist das hier so’ne Art Kino? Werden hier, wenn was los ist, Filme gezeigt? Fette Kerzen stehen auf dem Tisch vor dem Bild. Haben die hier keinen Strom? Doch, da hängen ja Lampen. Er geht zu dem Tisch. Uuupps, fast wäre er über die Stufe gestolpert.
Er dreht sich um. Da, ein mordsmäßiger Apparat, steht gegenüber auf der Tribüne. Ein junger Mann steht oben. Er winkt. Jetzt setzt er sich vor den Apparat und macht etwas … wooooooaaaahhhhhh, das ist ja ein Sound. Laut. Geht durch die ganze Kirche. Man spürt es sogar im Bauch, wie neulich in der Disco. Aber Boxen sind keine zu sehen.
Neben dem Altar steht so eine Säule mit einer Schale drauf. Sieht aus wie das Waschbecken, das sie neulich bei der Besichtigung in dem alten Schloss gesehen haben. Ob die Leute dreckig in so ein Haus kommen? Und wo bleiben die mit dem Dreck? Da ist doch kein Abfluss.
Auf dem Tisch liegt ein großes Buch. „Vater unser …“ liest er. Ob er einen neuen Vater kriegt. Mal seh’n, wie das Wochenende weitergeht. Die Tischdecke sieht aus wie bei seiner anderen Oma im Heim.
Also, wenn das ein Tisch sein soll, dann klappt das mit dem Essen hier nicht! Keine Stühle und dann so vor den anderen, die auf den Stühlen sitzen. Wie im Theater. Sie waren mal mit der Schule im Weihnachtsmärchen. Da haben die am Tisch gesessen und Abendessen gespielt. Ist das hier alles Theater?
Essen vor so einem Bild, das würde ihm keinen Spaß machen. Das sieht irgendwie traurig aus, manches ist echt horrormäßig. Wie die den da aufgehängt haben. Naja, der Supermann daneben ist da schon etwas anderes. Trotzdem …
„Sag mal, Oma, gab es Supermann denn früher auch schon?“, fragt er seine Oma und zeigt auf den Mann mit den ausgebreiteten Armen und dem Umhang. Die Oma guckt ihn sehr verwirrt an. Hat sie eine Träne im Auge? „Komm“, sagt sie, „ich glaube, das reicht für heute. Aber wenn du das nächste Mal wieder hier bist, dann würde ich dir gern einiges erklären.“
Lebenswege, Glaubenswege – es wird nicht einfach für Kevin …