489 5nach6 06.11.2026 St.Martin_Perspektive Armut Ps 146
Vielleicht hören Sie sie nachher noch, unsere Kinder, die mit den Laternen zur Erinnerung an St. Martin durch Königsdahlum ziehen. Vorhin habe ich ihnen hier in der Kirche die Martins-Legende erzählt. Dabei habe ich ganz bewusst die Perspektive des Bettlers gewählt, denn normalerweise steht das – gewiss vorbildliche – Handeln St. Martins im Vordergrund. So ist es auch im wohl bekanntesten Martins-Lied „St.Martin, St.Martin“: Lediglich in 7 von 20 Zeilen geht es um den Bettler …
Wenn ich an unsere aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten denke, an die Unruhen in Frankreich und anderswo, dann ist die Frage „Welche Perspektive, welchen Blickwinkel nehme ich ein?“ nicht nur eine Frage des Erzählens. Wenn wir – und insbesondere unsere einflussreichen Politiker/innen Armut überhaupt wahrnehmen und darüber diskutieren, dann reden wir über Armut, seltener mit Armen. Wir nehmen Armut und Arme aus unserem Blickwinkel wahr, aber es fällt uns schwer, uns in die Lage von Armen hineinzuversetzen. Wir können uns nur begrenzt vorstellen, was es für Menschen bedeuten kann, sich in die Schlange an einer der zahlreichen Tafeln einzureihen, festzustellen, dass eine Kürzung von Unterstützungsleistungen um 5 € das Monatsbudget durcheinanderbringt, dass eine Waschmaschinen-Reparatur oder ein neues Kleidungsstück für die wachsenden Kinder eine mittlere Katastrophe sein kann.
Ich denke, dass die europa-weite Unzufriedenheit mit Regierungen genau darin eine ihrer Wurzeln hat: Man blickt auf die Armut ohne einen Blick für die Armen!
Luther wusste, dass Leid, Not und Armut so vieler Menschen seiner Zeit sich nicht nur auf der zwischenmenschlichen Ebene persönlicher Wohltätigkeit lösen lassen. Armut war (und ist) - wie eine Struktur in einem Stoff - auch in die Gesellschaft eingewebt. Da brauchte es eben über das Zwischenmenschliche hinaus auch eine strukturelle Nächstenliebe, gesellschaftlich organisierte Nächstenliebe nicht nur für einen Armen.
So forderte und organisierte Luther den „Gemeinen Kasten“. Der "Gemeine Kasten" war eine Maßnahme, die in der Reformation entstand und der Armenfürsorge diente. Anstatt zu betteln, sollten die Menschen Unterstützung erhalten, wenn sie bedürftig waren. Zudem sollten sie durch Bildung und Arbeit in die Gesellschaft integriert werden. Luthers Forderung nach Versorgung der Armen führte zur Entwicklung solcher "gemeinen Kästen", die zur Finanzierung von Pfarrern, Lehrern und anderen gemeinnützigen Zwecken dienten und eine frühe Form der kommunalen Sozialhilfe darstellten.
Und damit sind wir beim Sozialstaat unserer Zeit. Neben der eher privaten Hilfe durch Spenden, Stiftungen und bürgerschaftliche Initiativen treten kirchliche und nicht-kirch-liche Organisationen wie Diakonie, Caritas, ASB, Paritätischer Wohlfahrtsverband u.a.m.
Und weil das allein nicht reicht, gibt es auch soziale Hilfen seitens des Staates, finanziert aus Steuermitteln, so dass jede/r seinen Teil dazu beiträgt.
Bei allen notwendigen Diskussionen um eine Reform des Sozialstaates sollte man nicht vergessen, wo er eine seiner dicksten Wurzeln hat, nämlich in jenem Jesus-Wort aus dem Gleichnis vom Weltgericht: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan.“ Und später sagt Jesus auch: „Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan (Mt 25,45).“
Aber wie kann man den Sozialstaat in Zeiten knappen Geldes finanzieren – außer durch Sparen?
Im Umfeld der Unruhen in Frankreich hat sich der der französische Soziologe Thomas Piketty dazu Gedanken gemacht. Zunächst meint er zu den Gründen, die die jugendlichen Demonstranten auf die Straße bringen: „Die jungen Menschen fordern doch etwas ganz Einfaches, die Mittel, um sich bilden zu können.“ Die sind – inflationsbereinigt – zurückgegangen.
Führende Wirtschaftspolitiker hängen nach Piketty einem Konzept an, wonach es eine eher kleine Gruppe von Führungspersönlichkeiten ist, die den nationalen Wohlstand durch Erneuerungen und engagiertes Unternehmertum voranbringt. „Alle anderen sollen geduldig darauf warten, dass der nationale Reichtum irgendwann auch zu ihnen durchsickert.“
Mit Blick auf Frankreich – aber in Deutschland wird es ähnlich sein – entgegnet Piketty dem Argument, dass dem Staat auch angesichts der bereits aufgenommenen Staatsschulden die finanziellen Mittel fehlen, Folgendes: Zwar sei die öffentliche Verschuldung seit 1970 von 20 % auf 120 % des BIP gestiegen. Doch gleichzeitig habe sich das private Vermögen wesentlich stärker vermehrt, nämlich von 300% auf 600 % des BIP. Der Wohlstand konzentriere sich zudem immer stärker bei einer kleinen Zahl besonders Vermögender … Das Problem, das es zu lösen gilt, ist schlicht eine Frage der Verteilung.“ (M.Hesse, Es ist die Abenddämmerung des Macronismus, in: Frankfurter Rundschau, 27.20.26, S.17)
Habe ich mich jetzt in einer Andacht ins Politische verlaufen? Schauen wir in die Bibel bzw. in das „Wissenschaftliche Bibellexikon“ (Armut / Arme (AT) - die-bibel.de):
Das Eintreten zugunsten der Armen zieht sich wie ein roter Faden durch die Hebräische Bibel. Die Tora fordert, dass im Gericht das „Recht des Armen“ nicht gebeugt werden soll (2Mose 23,6). Propheten begründen das angekündigte Strafgericht damit, dass in Israel die Armen unterdrückt werden (Jer 5,26-28). Für die Spruchweisheit ist das lästernde oder ehrende Verhalten gegenüber Armen zugleich ein entsprechendes Verhalten gegenüber Gott, (Spr 14,31). Schließlich preist ein Psalm Gott selbst als Beschützer der Armen (Ps 35,10). …
Aus der Parteilichkeit für die Armen, …, leiten sich konkrete Maßnahmen ab, die der Eindämmung von Armut dienen sollen. Hier sind an erster Stelle die Sozialgesetze der Tora zu nennen. Sie verbieten (1Mose) generell die Ausnutzung der Schwäche der Armen (2Mose 22,20-21). Zu ihrer Versorgung erhalten diese das Recht auf Nachlese auf den abgeernteten Feldern (3Mose 19,9-10; 3Mose 23,22; 5Mose 24,19-22) bzw. den Ertrag dessen, was in einem Brachjahr wächst (2Mose 23,11). Das 5Mose sieht vor, den Zehnten alle drei Jahre als Armensteuer zu verteilen (5Mose 14,28-29; 5Mose 26,12-15). Eine Fülle von Wirtschaftsgesetzen dient dazu, Prozesse der Verarmung zu verlangsamen oder ganz zu verhindern. Dazu gehören das Zinsverbot (2Mose 22,24; 3Mose 25,35-38; 5Mose 23,20-21), Beschränkungen bei der Pfandnahme (2Mose 22,25-26; 5Mose 24,6.10-13.17), Regelungen zu korrekten Maßen und Gewichten (5Mose 25,13-16), allgemeiner Schuldenerlass alle sieben Jahre (5Mose 15,1-11) und Beschränkung der Schuldsklaverei auf sechs Jahre (2Mose 21,2-6; 5Mose 15,12-18).
Da trotz aller Maßnahmen die Armut im Lauf der Geschichte des alten Israel eher zu- als abnimmt, gewinnt das Almosenwesen zunehmend an Bedeutung. Dabei heißt „Almosen“ im Hebräischen – so bis heute in den jüdischen Gemeinden –„Gerechtigkeit“. Auf das, was die Armen erhalten, haben diese ein Recht, das „Recht der Armen“ (2Mose 23,6; 5Mose 27,19; Jes 10,2 u.ö.). Die Gabe für die Armen ist kein Akt herablassender Gnade, sondern ein Akt der Herstellung von Gerechtigkeit. Dennoch bleibt bei der Beschränkung auf die individuelle Gabe einzelner Reicher an einzelne Arme die Gefahr der persönlichen Abhängigkeit zwischen Gebenden und Empfangenden. Wohl aus diesem Grund wird bereits in griechischer Zeit Armenfürsorge als „Aufgabe der Gemeinde“ verstanden. Am Tempel wird eine Armenkasse eingerichtet, die das Vorbild der Armenversorgung in den Synagogen und später den christlichen Gemeinden wird.
Auch das Neue Testament ist eindeutig. Unser Bibellexikon weiß:
Eine der durchgehenden Themenlinien im NT, besonders aber bei Lk, betrifft die Parteinahme Gottes für die Armen. Armut ist ein von Menschen verursachtes Übel, das aus der Verteilung begrenzter Güter resultiert. Deshalb tritt Gott als Anwalt für diejenigen ein, die durch Habgier und Ausbeutung benachteiligt sind.
Die erzählte Welt der Evangelien ist eine Welt der „kleinen Leute” … Die Hirten in Lk 2 sind Vertreter des einfachen Volkes … Jesus wächst in einer Handwerkerfamilie auf; seine ersten Schüler sind Fischer und Zolleintreiber. „Bettelarm” ist diese Anhängerschaft nicht, doch sie gehört noch immer zu jener Unterschichtengruppe, die ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit mühsam erwerben muss. Jesus wendet sich vorzugsweise denen zu, die am unteren Rand der Gesellschaft angesiedelt sind. Ihnen gilt seine Botschaft von der Umkehrung der Verhältnisse, die bei Lk zum ersten Mal im Magnifikat der Maria (Lk 1,46-55) erklingt: „Machthaber hat er von Thronen gerissen und Niedrige erhöht. Hungernde hat er mit Gutem erfüllt und Reiche leer fortgeschickt.” …
In den Heilungswundern Jesu äußert sich auch ein starker Protest gegen Armut: die aufgrund ihrer Handicaps zur Bettelei Genötigten können ihren Lebensunterhalt wieder selbst verdienen; die Aussätzigen werden wieder kultfähig; die Ausgegrenzten werden wieder integriert. …
Das Evangelium gilt zwar zuerst den Armen (Lk 4,18; Lk 7,22), wird aber gerade auch den Reichen verkündigt (Held, 1997). Denn Hoffnung besteht für die Armen nur, wenn die Reichen bereit sind, von ihren Gütern abzugeben. …
Die Überwindung von Armut findet in der frühen Christenheit ihren dichtesten Ausdruck in der Ethik des Teilens bzw. im Güterausgleich je nach Bedarf. Dieses Modell wird exemplarisch im Rahmen zweier Basisberichte am Anfang der Apg dargestellt (Apg 2,44-45; Apg 4,34-35): unbewegliche und bewegliche Habe bzw. Grundstücke und Häuser werden in Notsituationen verkauft; der Erlös wird von den Aposteln verteilt, „je nachdem einer es bedurfte”.
Und heute?
Die „Option für die Armen“ ist das zentrale Programm und der Leitgedanke der Amtszeit von Papst Franziskus. … Gleich nach seiner Wahl im Jahr 2013 äußerte er den Wunsch nach einer bescheidenen Kirche, die nahe bei den Menschen am Rande der Gesellschaft steht. … Franziskus versteht die Vorliebe für die Armen nicht nur als soziale Hilfe, sondern als tiefes theologisches Prinzip und direkte Nachfolge Jesu Christi. Das Konzept speist sich stark aus der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung sowie der von Franziskus geprägten „Theologie des Volkes“. Er rief den weltweiten Welttag der Armen ins Leben, besuchte gezielt Krisen- und Flüchtlingsgebiete (wie Lampedusa) und setzte sich für Randgruppen, Migranten sowie soziale und ökologische Gerechtigkeit ein. https://www.google.com/search?q=papst+franziskus+option+für+die+armen
Gebet:
Gott,
du siehst das Leid in dieser Welt.
Du kennst den Hunger, die Sorgen und die Verzweiflung
von so vielen Menschen, die in Armut leben.
Wir bitten dich:
Schenke ihnen Hoffnung, Kraft und einen Weg aus der Not.
Berühre die Herzen der Menschen mit Reichtum,
damit sie teilen und Mitgefühl zeigen.
Gib uns den Mut,
nicht wegzusehen,
sondern dort zu helfen, wo wir können,
und uns für eine gerechtere Welt einzusetzen.