480 5nach6 21.08.2026 Vaterunser 5 - 6. Bitte Ps 27
… sondern erlöse uns von dem Bösen (Übel). Meistens bleiben der Blick (und das Ohr) hängen an dem Wort „Bösen“ oder „Übel“. Diesmal war es bei mir das Wort „erlösen“. Auch so ein eher ungebräuchliches Wort.
Ich kenne es von einem Fangspiel, das wir seiner Zeit in zwei Mannschaften auf der Straße spielten. Wurde man von einem gegnerischen Spieler abgeschlagen, musste man sofort stehen bleiben und in der Bewegung verharren, in der man gerade war. Ein Spieler der eigenen Mannschaft konnte einen abschlagen – und dann war man erlöst.
Naja, und dann wurde natürlich Dornröschen nach langem, einsamem Schlaf erlöst.
Schließlich finden wir es in Todesanzeigen, wenn jemand von einem Leiden erlöst wird. Erlösung ist als eine Art Befreiung aus einer leidvollen, einsamen Erstarrung, aus Bewegungsunfähigkeit.
Der Duden schreibt etwas allgemeiner: Das Verb erlösen bedeutet, jemanden aus einer Notlage, von Schmerzen, Angst oder innerem Druck zu befreien.
In jedem Fall bedarf es eines Eingreifens von außen. Dazu muss ich mir zunächst mein Leid und meine hilflose Verstrickung in das Böse eingestehen – und dann um Hilfe bitten. Und weil wir um die Grenzen unserer Fähigkeiten wissen, uns selbst oder anderen zu helfen, ist es nur folgerichtig, wenn wir die Bitte um Erlösung an Gott richten. Das soll uns natürlich nicht davon abhalten, uns vorher selbst zu bemühen. Dabei gilt es allerdings, bei der Wahl der Mittel sorgsam vorzugehen.
Ein ziemlich heftiges Vorgehen schildert die Legende vom gordischen Knoten:
Der Sage nach prophezeite ein Orakel, dass derjenige die Herrschaft über Asien erringen werde, der den Gordischen Knoten lösen könne. Der Ausdruck Gordischer Knoten bezeichnet ursprünglich kunstvoll verknotete Seile, die am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios befestigt waren. Sie verbanden die Deichsel des Wagens untrennbar mit dem Zugjoch. Viele kluge und starke Männer versuchten sich an dieser Aufgabe, aber keinem gelang es. Bis angeblich im Frühjahr 333 v. Chr. Alexander der Große auf seinem Zug Richtung Persien diesen Knoten einfach mit seinem Schwert durchgeschlagen und damit seinen Siegeszug durch Asien eingeläutet habe. (Wikipedia)
Seien wir mal ehrlich: Wünschen wir uns nicht auch bisweilen, dass Gott auf Erden erscheint und einmal so richtig dazwischenschlägt – wie z.B. bei der Legende von der Sintflut und der Arche Noah. Alles Böse ist von der Erdoberfläche verschwunden, nur das Gute und die Guten bleiben. Ja, das wäre der Himmel auf Erden!
Aber – das wäre Gott vielleicht zu einfach. Er entlässt die Menschen nicht aus ihrer Verantwortung für den Umgang mit dem Bösen. Die Legende endet so (1Mose 9 i.A.):
1Gott segnete Noah und seine Söhne und sagte zu ihnen: »Seid fruchtbar, vermehrt euch und bevölkert die Erde! 2Furcht und Schrecken soll von euch ausgehen für alle Tiere:
… Ich gebe sie in eure Hand. 3Alles, was sich regt und lebt, soll eure Nahrung sein.
… Für das Leben eines Menschen fordere ich Rechenschaft von einem anderen Menschen. … Denn Gott hat den Menschen als sein Ebenbild gemacht. …
8Dann sagte Gott zu Noah und zu seinen Söhnen, ...: 9»Ich aber, ich schließe meinen Bund mit euch und euren Nachkommen 10und allen Lebewesen bei euch: … Nie wieder soll eine Sintflut die Erde vernichten!«
12Weiter sagte Gott: »Ich schließe diesen Bund mit euch und mit allen Lebewesen bei euch. Er gilt für alle künftigen Generationen. Und dies ist das Zeichen, das an den Bund erinnern soll: 13Ich setze meinen Bogen in die Wolken.
Der Regenbogen! Welch ein Vertrauen, welch eine Aufgabe, was für eine Verantwortung. Nicht Gott übernimmt Verantwortung – und schlägt gelegentlich dazwischen. Wir sind verantwortlich – im Bund mit Gott. Da können wir ja nur scheitern. Deshalb ist es gut – im Bewusstsein unserer Erstarrung, unseres Verwickelt-Seins im Bösen – zu bitten „erlöse uns von dem Bösen“. Wir schaffen es nicht, wie sehr wir auch dazwischenschlagen.
Und Jesus hat ja über das Dazwischenschlagen seine eigene Meinung. Er sagt: Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen (Mt 26, Vers 52). Er ruft auf zu Nächstenliebe - wohl wissend, dass wir dabei angewiesen sind auf Gnade, Trost und Segen Gottes, damit wir Hoffnung haben können.
So können wir hoffnungsvoll auch den letzten Satz des Vaterunsers beten: Denn dein ist das Reich. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns und unsere Welt in all unserer bzw. ihrer Unvollkommenheit und Unvollendetheit in aller Herrlichkeit vollenden wird.
Abschließend noch ein paar Gedanken zum Beten im Allgemeinen.
Meine Mutter hatte für sich ganz bestimmte Gebetsrituale entwickelt, in denen sie jeweils Menschen bedachte, die ihr am Herzen lagen. Und das waren lange Texte …
Mit zunehmendem Alter fiel es ihr schwerer, diese Texte und auch früher einmal gelernte Gebete im Kopf zu behalten. Sie war besorgt, nicht richtig zu beten.
So bekam ihr Beten ganz offensichtlich „unerwünschte Nebenwirkungen“, die eigentlich das Gegenteil dessen waren, was Gebete einem schenken wollen: Trost, Gelassenheit, Zuversicht. Ich versuchte, sie mit folgender Bibelstelle zu beruhigen:
6 Wenn du betest, geh in dein Zimmer und verriegele die Tür. Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der auch das Verborgene sieht (und ich bin sicher: auch das Ungesagte hört!), wird dich dafür belohnen. 7 Sprecht eure Gebete nicht gedankenlos vor euch hin – so machen es die Heiden! Denn sie meinen, ihr Gebet wird erhört, weil sie viele Worte machen. 8 Macht es nicht so wie sie! Denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet. (Mt 6, 6ff)
Ich denke, es lohnt sich, hier noch einmal genauer hinzusehen:
6 Wenn du betest, geh in dein Zimmer und verriegele die Tür.
Natürlich spricht nichts gegen das gemeinsame Gebet. Jesus wendet sich hier gegen das demonstrative, angeberische Gebet, das die eigene Frömmigkeit nach außen eindrucksvoll darstellen will. Das Gebet ist ein vertrauliches Geschehen.
Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird dich dafür belohnen.
Gott sieht nicht nur Beter/innen in ihrem Zimmer, er hört auch das Ungesagte, das was zu sagen einem schwer fällt, das wofür einem schlicht die Worte fehlen.
7 Sprecht eure Gebete nicht gedankenlos vor euch hin – so machen es die Heiden! Denn sie meinen, ihr Gebet wird erhört, weil sie viele Worte machen.
Wir haben schon darüber gesprochen, das alte, vertraute Texte – hunderte Male gesprochen – über-vertraut werden und so ihre Wirkung in uns nicht mehr entfalten können. Und es ist wie mit dem Dünger in Landwirtschaft und Garten: Viel hilft nicht viel. Gott braucht nicht die langen, wohl ausformulierten Gebete, denn – so fährt Jesus fort:
8 … euer Vater weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr ihn darum bittet. (Mt 6, 6ff)
Das Gebet ist keine Leistung, bei der man „100%“ bringen muss, um Anerkennung bzw. Erhörung zu finden. Weder viele Worte, noch umfassende und vollständige Beschreibungen all dessen, was einen besorgt oder beglückt sind nötig.
Das Gebet ist auch keine „Bestellung“, die man aufgibt und worauf später das Gewünschte geliefert wird.
„Fertige“ Gebete unserer Vorfahren und eine gewisse äußere Form können einen hilfreichen Rahmen schaffen – wie Luthers Morgen- und Abendsegen.
Es kann aber auch ganz einfach sein: Gott, du weißt, was heute alles los war. Lass mich nur dies sagen: Ich bin heute traurig/ärgerlich gewesen über … Ich bin heute dankbar für … Oder ganz kurz: Gott, danke. Bitte.
In Brechts Theaterstück „Mutter Courage“ zieht ein feindliches Heer auf eine Ortschaft zu. Die Bewohner und Verteidiger des Ortes schlafen. Aber ein stummes Mädchen, namens Kathrin, das sich dem flehentlichen Gebet seiner Familie nicht anschließen kann, weil es nicht sprechen kann, hat das Herannahen der Feinde bemerkt. Da ergreift die „stumme Katrin“ eine große Trommel, haut (im wahrsten Sinne des Wortes) kräftig auf die Pauke und weckt so die Verteidiger in der bedrohten Stadt auf. Diese Szene aus „Mutter Courage“ nennt man auch: Das „Gebet“ der stummen Katrin. Beten und Handeln gehören zusammen – selbst wenn es einem die Sprache verschlagen hat und die Worte fehlen.