Freitags 5nach6 - nach OSTERN

03. April 2026

464 5nach6_10.04.26_Nach Ostern                       Ps  118

Quellen:
(1) Ev. Verlagsanstalt (Hg.), F.Muchlinsky, Mit Gefühl – 7 Wochen ohne Härte, Fastenbrief vom 01.04.2026
(2) T.Dietz, Gemischte Gefühle, in: R.Meister, Mit Gefühl, Leipzig, 2025,  S.141f  
(3) M.Engel, D.Grüntjens, Dio Mio, München, 2025, S.152

„Ein gemischtes Eis, bitte – Zitrone, Himbeere und Cappuccino!“ Das ist meine Bestellung im Eiscafe im Nachbarort. Und beim Italiener? Gerne gemischte Vorspeisen oder beim Griechen gemischter Salat. Gemischt ist reizvoll, vielfältig …

Wie ist das mit gemischten Gefühlen? Erinnern Sie sich an etwas?

Keine andere Zeit im Kirchenjahr ist derartig gefüllt mit gemischten Gefühlen wie die Zeit vom letzten Freitag, dem Karfreitag, bis zum heutigen Freitag in der Woche nach Ostern!

Hermann Hesse macht diese Gefühlsmischung in seinem Gedicht „Karfreitag“ deutlich:

Karfreitag

 

Verhangener Tag, im Wald noch Schnee,
Im kahlen Holz die Amsel singt:
Des Frühlings Atem ängstlich schwingt,
Von Lust geschwellt, beschwert von Weh.

So schweigsam steht und klein im Gras
Das Krokusvolk, das Veilchennest,
Es duftet scheu und weiß nicht was,
es duftet Tod und duftet Fest. …

 

 

Wenn man eher negative Begriffe grau und positive gelb unterlegt, dann wird diese Gefühlsmix nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar. „Weiß nicht was“, schreibt Hesse. Diese Gefühlsmischung, diese Gefühlsspannung auszuhalten, das ist anstrengend. Das ist eine typische Frühlings-Gefühlslage: Morgens im Frost singen die Vögel sich warm.

Der Frühlingsbeginn ist in vielerlei Hinsicht mit Anstrengungen verbunden, .... Die Wohnung mal ordentlich aufräumen und frühlingssauber machen… Nicht zu vergessen die Anstrengung, die Gärten wieder instand zu setzen. Diese Mühen nehmen wir, … in der Regel gern auf uns. Wir spüren eben, dass es heller wird und wärmer. Wir merken, wie das Leben wieder zurückkehrt.

Dabei stimmt das ja nur bedingt. Das Leben war ja nicht wirklich fort. Es hatte sich lediglich nach innen gewendet, hatte langsamer geatmet, hatte von dem gezehrt, was vorher gewachsen war. Aber es fühlt sich nun einmal so an und darum sagen wir es gern so: Das Leben kehrt zurück. Dieser Satz passt ja auch gut zu Ostern, … Aber natürlich kann das Leben nur dann „zurückkehren“, wenn es vorher fort war. Gemischte Gefühle!

Es ist gut, dass wir das nicht vergessen. Es ist gut, dass die Christenheit Karfreitag begeht, bevor wir Ostern feiern. Karfreitag ist so etwas wie der ganze dunkle Winter noch einmal konzentriert. Wie ein Brühwürfel aus Bitterkeit, Dunkel und Trauer. Es ist angemessen, einmal absichtlich ganz nach unten zu schauen, bevor man in den Himmel blickt. … Gemischte Gefühle!

Gott hat sich in Jesus so sehr den Menschen zugewendet, dass er auch all das erlebte, was unser Menschsein schrecklich machen kann: Enttäuschungen, Spott, Schmerzen, sogar Folter und Tod. …

Zwei Frauen kommen dahin, wo Jesus hingelegt wurde, nachdem er am Kreuz gestorben war. Sie wollen nach dem Grab sehen, als plötzlich die Erde bebt. Ein leuchtend heller Engel wälzt den Stein weg, der vor dem Grab liegt. Die Wachen, die man vor dem Grab postiert hatte, fallen wie tot zu Boden, als der Engel die beiden Frauen anspricht: „Fürchtet euch nicht!“ Er erzählt ihnen, dass Jesus auferstanden ist. Er zeigt ihnen die Stelle, wo der Tote gelegen hat. Dann beauftragt er die Frauen, all das den Jüngern zu erzählen. Und nun kommt dieser Satz, …: Sie gingen weg „mit Furcht und großer Freude“. Gemischte Gefühle!

Darüber kann man durchaus stolpern. Warum fürchten die beiden sich noch? Jesus lebt! Gut, ihnen ist ein Engel erschienen, sie haben ein Erdbeben erlebt und eine unglaubliche Botschaft gehört, aber eigentlich ist doch jetzt alles gut. Halleluja! Aber es ist natürlich nicht alles gut – auch nicht an diesem allerersten Ostermorgen. Gemischte Gefühle!

Das Leben ist zurück, und mit ihm außer der Freude eben auch alles andere, was das Leben ausmacht. Gemischte Gefühle! Die Toten ruhen in Frieden, die Lebenden sind bedroht. Wenn im Frühling „das Leben zurückkehrt“, beginnt der Konkurrenzkampf – um den hellsten Platz auf dem Waldboden, um die besten Nistplätze, die fetteste Beute. Das neu Geborene ist besonders bedroht. Leben bringt immer Unsicherheit und Furcht mit sich, auch zu Ostern. Gemischte Gefühle!  

Aber eines hat sich geändert: Die Angst vor dem Nichtsein ist fort. Das Leben bleibt bedrohlich, aber nicht der Tod. … Gott hat das Nichtsein des Todes zu einem Anders-Sein gemacht. Der Tod ist nicht Auslöschung, sondern wie ein Winter, in dem Leben anders läuft, … Unsere Furcht sollte darum dem Leben gelten. Um das Leben müssen wir uns kümmern, damit es nicht so oft zu Leid und Schmerz wird. Machen wir das Beste aus unserer Furcht: Sorgen wir dafür, dass es im Leben genügend Gründe zur Freude gibt. (1)

Gemischte Gefühle haben viele Menschen, wenn sie über ihre Beziehungen zum Christentum nachdenken. Ja, da ist schon etwas dran an der Religion … Aber eben auch nicht nur. Religion macht vielen auch Angst, sie kann Langeweile und Fluchtimpulse auslösen.

Die gemischten Gefühle der Frauen zeigen uns: Der Glaube hat Raum für gemischte Gefühle. Für Furcht und große Freude. Gemischte Gefühle im Glauben können ein Zeichen sein. Ein Zeichen dafür, dass alles, was mit Gott zu tun im Letzten unverfügbar und unbegreiflich bleibt ...

Vielleicht können wir lernen, unsere gemischten Gefühle anzunehmen. Sie bewahren uns vor dem Fanatismus der tausendprozentig Überzeugten. Sie machen Lust auf mehr. Sie bewahren uns in neugieriger Erwartung, was werden soll. (2)

In der vergangenen Woche haben wir die radikalsten Veränderungen erlebt, die man sich vorstellen kann: Abschied, Tod, Trauer, Verzweiflung, und dann – neues, verändertes Leben. Das ist – bei Licht besehen – nicht nur ein Glaubenserlebnis. In kleinerer Münze finden wir das auch in unserem persönlichen Alltag.

Oder auch in unserer Kirchengemeinde. Die Vakanzsituation nach der Verabschiedung von P.Strack ist so eine Zeit gemischter Gefühle, eine Situation ähnlich wie die zwischen Karfreitag und Ostern.

„Prüfet alles und behaltet das Gute“, fordert Paulus (1 Thess 5,21). Der Ruf des Paulus … ruft uns aus den Routinen und Selbstverständlichkeiten heraus, er will wachrütteln … Was können oder wollen wir uns noch leisten und was nicht? … Wirklich alles, … was wir als Gemeinde oder Kirche tun, auf den Prüfstand stellen, darüber reden, wie viel Leben, Gegenwart und Zukunft da noch drinsteckt … Es ist immer leicht, die große Veränderung von oben zu fordern, sich selbst aber am liebsten unbehelligt davon sehen zu wollen. Albert Einstein wird folgender Spruch zugeschrieben: „Auf Veränderungen zu hoffen, ohne selbst etwas dafür zu tun, ist, wie am Bahnhof zu stehen und auf ein Schiff zu warten.“ (3)

Egal, was kommt. Wahr bleibt: Hinter dem Kreuz von Golgatha geht die Sonne auf. Die Mischung der Gefühle beginnt, Kreuz und Tod sind nicht das Letzte, die Dunkelheit von Karfreitag, die Dunkelheiten unseres Lebens und auch unserer Kirche dürfen wir nicht übersehen, aber wir dürfen sie in anderem Licht sehen, im Licht des Ostermorgens.

Und wir sollen es machen, wie die Jünger und Jüngerinnen damals. Die Oster-evangelien erzählen davon. Sie sind nämlich trotz durchaus gemischter Gefühle losgegangen – zum Grab, zurück zu dem Haus, in dem die Jünger versammelt waren, nach Emmaus, nach Galiläa. Das Volk Gottes ist ein wanderndes Volk!

Gebet:

Gott,
du bist bei uns bei den größten Veränderungen
– vom Leben in den Tod und darüber hinaus.
Sei bei uns auch bei den kleineren Veränderungen.
Wir müssen uns trennen von manchem, was uns Herz gewachsen ist.
Wir müssen Neues suchen und entwickeln, uns trauen neue Wege zu gehen.
Das sorgt für gemischte Gefühle.
Steh du uns bei und zeig uns den richtigen Weg – mit dir und zu dir.

 

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