Freitags 5nach6 - Glaubenswege 2

15. Juni 2026

471 5nach6 19.06.2026 Glaubenswege 2                    Ps 27

Beim letzten Mal hatten wir am Beispiel von Frau Bertold gehört, wie im letzten Jahrhundert Menschen in Glauben und Kirche hineingewachsen sind.

 

Heute ist das sehr anders. Experten sprechen von Traditionsabbruch. Vielen und Jugendlichen sind Kirche, Christentum und Glaube fremd. Da ist einfach eine leere Stelle, eine Lücke. Besonders eindrucksvoll habe ich das erlebt, als nach der Vereinigung mit der ehem. DDR viele Familien in die alte Bundesrepublik übersiedelten. So saßen dann auch in meiner Klasse Kevins, Chantals u.a. – völlig unberührt von jeder Religion.

 

Ich habe mir einmal vorgestellt, wie das für einen Kevin ist, der da so eine Lücke hat, wenn er in unsere St.Johanniskirche kommt. Wir können gern noch mal rausgehen und ganz bewusst unsere Kirche betreten. Schaut euch auch beim Vorlesen ruhig um:

 

Kevin geht in die Kirche

 

Wo Kevin früher gewohnt hat, gab es auch so ein großes Haus. Kirche. Ist aber kaum einer hingegangen. Er war nie dort. Heute muss er. Die Mutter von Mamas neuem Freund – vielleicht seine neue Oma - will ihn unbedingt mitnehmen. Mama hat ihn so bittend angeguckt, dass er mit gequältem Blick mitgegangen ist.

 

Riesig, das Teil, aber zu. Keine Klingel, kein Namensschild. Angeblich wohnt hier Gott, sagt die neue Oma. „Großer Gott!“ Das sagen Erwachsene manchmal. Heißt der mit Vornamen „Großer“? Vielleicht ein Doppelname oder wie bei „Karl der Große“ aus dem Geschichtsunterricht. Komisch.

 

Sie gehen durch eine große Holztür. Hier drin ist es wie in einem Burgturm. Cool. Ja, und kalt ist es auch. Aber hier hängt ein Schild mit Namen an der Wand. Haben die hier mal drin gewohnt? Dann kommt noch eine Tür, aus Glas. Links daneben steht die Kasse. Muss man hier Eintritt bezahlen? Aber wie viel? Ob es für Schüler umsonst ist? Was wird denn hier wohl geboten?

 

Kevin geht hinter seiner Oma durch die Glastür. Krass, fast so groß wie die Sporthalle in seiner Schule. Eine Tribüne haben die hier auch, sogar mit Bildern. Ist aber keine Werbung. Komische Bilder. Scheinen ziemlich alt. Aber sonst sind die Wände recht kahl. Poster würden hier gut aussehen. Na, vielleicht auch nicht.

 

Die Fenster sind groß, dadurch ist es hell in dem großen Raum.

 

Sport kann man hier drin aber nicht machen. Alles ist vollgestellt mit Stühlen – nebeneinander und so, dass alle nach vorn gucken müssen. Das ist wie in der Schulaula. Da muss man leise sein und zuhören, wenn der Rektor vorn etwas sagt. Das ist meist ziemlich ätzend. Ob das hier auch so ist?

 

Da vorn steht so ein komisches Holzteil. Ob von da jemand redet? Vielleicht wird hier etwas verkauft oder versteigert, wie bei ebay. Jedenfalls scheint das, was daneben an der Wand hängt, die Preisliste zu sein: „508,1.“ Die Null fehlt. Stolze Preise haben die. Ist nichts für ihn, sie haben nur Bürgergeld.

 

Still ist es hier. Kein Gedudel wie im Supermarkt. Nicht schlecht. Vorn auf dem Tisch ein riesiges Bild. Ist das hier so’ne Art Kino? Werden hier, wenn was los ist, Filme gezeigt? Fette Kerzen stehen auf dem Tisch vor dem Bild. Haben die hier keinen Strom? Doch, da hängen ja Lampen. Er geht zu dem Tisch. Uuupps, fast wäre er über die Stufe gestolpert.

 

Er dreht sich um. Da, ein mordsmäßiger Apparat, steht gegenüber auf der Tribüne. Ein junger Mann steht oben. Er winkt. Jetzt setzt er sich vor den Apparat und macht etwas … wooooooaaaahhhhhh, das ist ja ein Sound. Laut. Geht durch die ganze Kirche. Man spürt es sogar im Bauch, wie neulich in der Disco. Aber Boxen sind keine zu sehen.

 

Neben dem Altar steht so eine Säule mit einer Schale drauf. Sieht aus wie das Waschbecken, das sie neulich bei der Besichtigung in dem alten Schloss gesehen haben. Ob die Leute dreckig in so ein Haus kommen? Und wo bleiben die mit dem Dreck? Da ist doch kein Abfluss.

 

Auf dem Tisch liegt ein großes Buch. „Vater unser …“ liest er. Ob er einen neuen Vater kriegt. Mal seh’n, wie das Wochenende weitergeht. Die Tischdecke sieht aus wie bei seiner anderen Oma im Heim.

 

Also, wenn das ein Tisch sein soll, dann klappt das mit dem Essen hier nicht! Keine Stühle und dann so vor den anderen, die auf den Stühlen sitzen. Wie im Theater. Sie waren mal mit der Schule im Weihnachtsmärchen. Da haben die am Tisch gesessen und Abendessen gespielt. Ist das hier alles Theater?

 

Essen vor so einem Bild, das würde ihm keinen Spaß machen. Das sieht irgendwie traurig aus, manches ist echt horrormäßig. Wie die den da aufgehängt haben. Naja, der Supermann daneben ist da schon etwas anderes. Trotzdem …

 

„Sag mal, Oma, gab es Supermann denn früher auch schon?“, fragt er seine Oma und zeigt auf den Mann mit den ausgebreiteten Armen und dem Umhang. Die Oma guckt ihn sehr verwirrt an. Hat sie Tränen in den Augen? „Komm“, sagt sie, „ich glaube, das reicht für heute. Aber wenn du das nächste Mal wieder hier bist, dann würde ich dir gern einiges erklären.“

 

Es wird nicht einfach für Kevin und seine Oma … Und es ist garantiert keine übertriebene Darstellung!

 

Lebenswege können Glaubenswege sein – und umgekehrt. Und sie können genauso vielfältig sein wie die Menschen, die sie gehen. Ich werde mal konkret – und damit auch persönlich. Wie war das bei mir?

 

Meine Mutter hat darauf geachtet, dass ich mit meinem Schulfreund in den Kindergottesdienst ging. Jugendliche brachten uns biblische Geschichten nahe. Das gefiel mir. Manche kannte ich schon, denn meine Mutter gab mir auch mal ihre alte Schulbibel zum Schmökern. Die hatte spektakuläre Bilder!

Konfirmandenunterricht und Konfirmation – naja, solala …

Mein Schulfreund fragte mich danach, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm Kindergottesdiensthelfer zu werden – also selbst Kindern biblische Geschichten nahezubringen. Tja, warum nicht? Gab es doch damals auch schon den Wunsch, einmal Lehrer zu werden. So trafen wir uns donnerstagsabends bei unserem Pastor, der uns die biblischen Geschichten erklärte und wir überlegten gemeinsam, wie wir das im sonntäglichen Kindergottesdienst weitergeben würden.

Es war die Zeit mit wenig Fernsehen, ohne Handys und Computer. Wenn man etwas erleben wollte, musste man sich aufmachen. Direkt neben unserer Kirche gab es den LADEN der Ev. Jugend. Dort gab es Gruppentreffen mit Spielen, interessanten Gesprächen, Filmen, auch Disco. Am Wochenende manchmal Wochenendfreizeiten zu Themen, die uns ansprachen. Und dann die Sommerfreizeiten im Zeltlager, oft in Dänemark. Toll!

Ich entschloss mich, einen Jugendgruppenleiterlehrgang zu machen und selbst eine Jugendgruppe in unserer Gemeinde zu betreuen. Das funktionierte gut! 8-10 Jungen, wurden mittwochsnachmittags von mir bespaßt.

Nicht vergessen darf ich den Religionsunterricht. Die Religionslehrer waren großartig, sie gingen anders mit uns um als die üblichen Pauker, nahmen uns ernst und legten Wert auf unsere Beiträge. Und es ging um Themen, die in der Luft und uns am Herzen oder auf der Seele lagen.

So wurde mir klar, dass neben Deutsch und Geschichte auf jeden Fall Religion mein drittes Fach im Lehrerstudium werden würde. Und das eröffnete mir wirklich neue Horizonte!

Während des Studiums lernte ich meine Frau kennen und gemeinsam engagierten wir uns in einer Gruppe, die aus der Ev. Jugend herausgewachsen war. Heiße Themen, politische Nachtgebete, Friedensbewegung, Umweltschutzbewegung …

Und immer wieder waren es neben dem Studium und dem Lesen einzelne, beeindruckende Menschen, die mir bereichernde Blicke auf das Christentum eröffneten.

Schließlich habe ich berufsbegleitend noch einmal zwei Jahre ein Fernstudium Ev. Theologie gemacht, um mich für meinen Lehrerberuf – speziell für das Fach Ev. Religion - weiter zu qualifizieren.

Danach habe ich selbst über 20 Jahre Fortbildungen für Religionslehrkräfte veranstaltet – und viel dabei gelernt. Und auch hier wieder: viele interessante Begegnungen mit interessanten Menschen.

Das galt auch für den Religionsunterricht, den ich selbst erteilte. Wahnsinnig aufwändig in der Vorbereitung, aber immer interessant in dem Versuch, Christentum, Bibel und Kirche mit dem Leben meiner Schüler/innen in Verbindung zu bringen. Besondere Höhepunkte waren Schülergottesdienste, die auch mit Schüler/innen vorbereitet wurden.

Dann zogen wir aufs Land und ich wurde gefragt, ob ich nicht im Kirchenvorstand mitarbeiten möchte. Das mache ich nun seit über 30 Jahren, lerne Kirche mit ihren Möglichkeiten, aber auch mit Grenzen kennen – und auch immer wieder großartige Menschen.    

Im Laufe der Jahre ist mir klar geworden: Das eine Christentum, das man als Maßstab heranziehen könnte, hat es nie gegeben. Der Glaube an Jesus Christus hat sich von Beginn an in unterschiedlichen Gruppen und Einrichtungen organisiert.

Allein auf unserem Hof wohnen mit meiner Frau und mir zwei ev.luth Christen der Landeskirche Hannover, drei neuapostolische Christen und vier Mitglieder einer freien ev. Gemeinde.

Taufe und Kirchenmitgliedschaft machen einen zum Mitglied der Kirche, aber macht es einen auch schon zum Christen?

Ist man Christ, wenn man sagt, dass man bestimmte Texte auswendig kann und glaubt? Jesus sagt in der Bergpredigt:

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ … (Mt 7,16–20) in der Bibel. Es bedeutet, dass man den wahren Charakter oder die Absichten von Menschen, Propheten oder Lehrern nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten, Handlungen und deren langfristigen Auswirkungen („Früchten“) erkennen kann.

Was am Glauben das Wesentliche ist, lässt sich nicht wie Zentimeterstriche auf einem Maßband aneinanderreihen, um daran alle Gläubigen zu messen … und zu beurteilen oder gar zu verurteilen. „Leider fehlen dir 3 Punkte!“

Es gibt so viele Türen zum Glauben, wie es Menschen gibt. Entscheidend ist, dass man sich darüber klar wird, was einem selbst am Glauben wichtig ist, wie es einem im Leben hilft und wie man es so gestalten kann, dass auch andere davon etwas Gutes empfangen.

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St. Johannis Königsdahlum