Freitags 5nach6 - An ihren Früchten

03. Juli 2026

473 5nach6 03.07.2026 An ihren Früchten              Ps 145

Beim letzten Mal hier in der Kirche hatte ich gesagt:

Ist man Christ, wenn man sagt, dass man bestimmte Texte auswendig kann und glaubt? Jesus sagt in der Bergpredigt:

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ … (Mt 7,16–20) in der Bibel. Heißt das, dass gute Christen Landwirte sind oder wenigstens einen Garten haben? Natürlich nicht. Es bedeutet, dass man den wahren Glauben, den Charakter oder die Absichten von Menschen, … nicht an ihren Worten, sondern an ihren Taten und deren langfristigen Auswirkungen („Früchten“) erkennen kann.

Es gibt so viele Türen zum Glauben, wie es Menschen gibt. Entscheidend ist, dass man sich darüber klar wird, was einem selbst am Glauben wichtig ist, wie es einem im Leben hilft und wie man es so gestalten kann, dass auch andere davon Gutes empfangen.

Soweit, so gut. Aber wie handle ich christlich? Die Grundregel hat Jesus selbst formuliert:

»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (Lk 10,27).

„Naja“, werden manche sagen, „‘lieben‘ ist ein dehnbarer Begriff … Es gab und gibt Leute, die aus Liebe – z.B. zum Vaterland – Kriege anzetteln!“

Jesus wird konkreter. Im Gleichnis vom Weltgericht sagt er (Mt 25):

… ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben.
Ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben.
Ich war ein Fremder, und ihr habt mich als Gast aufgenommen.
Ich war nackt, und ihr habt mir Kleider gegeben
Ich war krank, und ihr habt euch um mich gekümmert
Ich war im Gefängnis, und ihr habt mich besucht
.

Und er setzt noch einen drauf. Was ihr für einen meiner Brüder oder eine meiner Schwestern getan habt – und wenn sie noch so unbedeutend sind –, das habt ihr für mich getan.‹ … Was ihr für andere nicht ge-tan habt – und wenn sie noch so unbedeutend waren–, das habt ihr für mich nicht getan!

Interessant, nicht wahr? Jesus identifiziert sich mit den Menschen, setzt sich mit ihnen gleich, die in Not sind, Hilfe brauchen. Hier wird die Verbindung von Nächstenliebe und Gottesliebe ganz anschaulich!

„Nun gut“, werden manche sagen, „in einem wohlhabenden Land wie Deutschland ist das aber nicht ganz einfach.

Hungrige speisen … Ich könnte mit jemandem einkaufen gehen und bezahlen, für die Tafeln spenden oder für „Brot für die Welt“, die große, evangelische Hilfsorganisation.

Und durstig, ach, heute hat doch jede/r seine/ihre Trinkflasche dabei und es gibt immer mehr öffentliche Wasserhähne.

Auch Fremde haben wir doch schon jede Menge aufgenommen.

Schon lange werfe ich ja meine alten Klamotten in den Kleidercontainer – für andere. Und das DRK in Bockenem betreibt doch eine Kleiderkammer!

Um Kranke kümmern sich – viel besser als ich das könnte – Ärzte und Menschen in den Krankenhäusern. Und dafür zahle ich meinen Beitrag in die Krankenkasse ein.

Und Gefängnis? Ich kenne persönlich keinen, der da einsitzt – und einfach so würde man mich dort gar nicht reinlassen.“

Haben Sie nicht auch den Eindruck, dass das oberflächlich und wenig engagiert klingt? Vom Lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft und deinem ganzen Gemüt noch ein ganzes Stück entfernt ist? Also, da geht mehr, denke ich.

Und einen anderen Gedanken möchte ich noch ins Spiel bringen. Versuchen wir es mit ein wenig Phantasie und Kreativität. Nehmen wir den biblischen Text nicht allzu wörtlich. Hungrig ist jemand, der nicht genug gegessen hat? Nein, man kann auch satt auf etwas anderes hungrig sein! Unseren Fußballspielern wird – je nach dem – fehlender oder lobenswerter Torhunger nachgesagt!

Jesus selbst macht diese Überschreitung der ursprünglichen Wortbedeutung vor. In den Seligpreisungen am Anfang der Bergpredigt sagt er: Glückselig sind die, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit. Denn sie werden satt werden (Mt 5). Probieren wir es:

Selbst, wer genug zu essen hat, kann einen unglaublichen Hunger danach haben, wahrgenommen, wertgeschätzt und respektiert zu werden. Ein freundliches Wort an der Supermarktkasse, ein Lob, ein „Danke“ …

Selbst, wer gerade einen Liter Wasser getrunken hat, kann immer noch einen ungestillten Lebensdurst in einem grauen Alltag voller Routinen, Eintönigkeiten und Langeweile haben. Unternehmen wir etwas mit ihm/ihr!

Ja, aufgenommen haben wir viele Fremde, aber haben wir sie auch als Gäste auf- und vor allem angenommen? Oder sehen wir sie doch nur als Kostenverursacher, Konkurrenten um Wohnungen und Arbeitsplätze, als Kriminelle und Gewalttäter. Ich weiß, dass einige das auch sein können – aber eben nicht alle und eben nicht nur.

Wer sich bei uns nackt zeigt, der will das im Regelfall auch. Jedoch kennen wir die Redewendung „nackt und bloß“. Das deutsche Wort „bloß“ bedeutet im Kern „nackt, unbedeckt“. Und wenn wir jemanden in den sog. sozialen Medien, im Klassenzimmer oder am Arbeitsplatz bloßstellen, dann steht er/sie vor den anderen wie nackt da – ungeschützt, verschämt, dem Spott, womöglich dem Hass und der Gewalt der anderen ausgesetzt. Und dann können wir uns schützend vor ihn/sie stellen.    

Und wer krank ist, womöglich sterbenskrank ist, der braucht wahrlich mehr als einen Arzt, der nur ein Medikament verordnet oder den Blutdruck misst, der braucht mehr als eine Pflegekraft, die das Essen auf den Tisch stellt und dann wieder verschwindet.

Der Kranke braucht mehr – ein Zuhören, ein Zuwenden, ja ein gemeinsames Schweigen.

Und die Gefangenen? Sie müssen nicht in sog. Justizvollzugsanstalten sitzen! Wie viele sitzen im Gefängnis ihrer Einsamkeit, ihrer Abhängigkeit von Handy und Computer. Sind eingesperrt in Schubladen, in die andere sie gesteckt haben. Holen wir sie da raus!

Woher können wir Phantasie und Kraft für ein so ein barmherziges Handeln bekommen? Wenn wir genau hinsehen, hinhören, in uns hineinspüren, könne wir merken, dass der Heilige Geist sie uns bisweilen schenkt. Wir müssen nur die Antennen dafür ausfahren und „empfangsbereit“ sein. Gott jedenfalls ist ständig „auf Sendung“.

Wikipedia weiß: Jesus beschreibt Gott z. B. im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11–32) als großzügigen und jederzeit vergebungsbereiten Vater und zeigt so, was Barmherzigkeit bedeuten kann: Eine unverdiente, aber großzügige Zuwendung in bedingungsloser Liebe. … Die von Gott her erfahrene Barmherzigkeit wird dann auch zum Handlungsgrund des glaubenden Menschen. In diesem Sinne steht „Barmherzigkeit“ in engem Zusammenhang mit z. B. Nächstenliebe.

Martin Luther hat das in einem sehr schönen Bild beschrieben: In seiner siebten Invokavitpredigt 1522 sagt er: „Gott ist ein glühender Backofen voller Liebe, der da von der Erde bis an den Himmel reicht.“ Wenn man so will, sind wir die Brote, die darin gebacken werden, und die wärmende Liebe und den Nährwert an andere weitergeben.

Deshalb haben die Kirchen diesen Sechser-Katalog in besonderer Weise in ihren Traditionsbestand aufgenommen und noch erweitert um den Punkt der Bestattung der Verstorbenen. Man spricht dann auch von den „Sieben Werken der Barmherzigkeit“.

Es geht auch einfacher … Der Schriftsteller Erich Kästner hat es einmal so auf den Punkt gebracht: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!

Aber bitte, seien wir dabei barmherzig auch mit uns. Im Brief an die frühen Christen in Galatien (Landschaft um Ankara, Türkei)  schreibt Paulus: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Galater 6,2). Er schreibt nicht: „Einer löse alle Probleme des andern.“ Und auch nicht: „Einer übernehme gefälligst das komplette Leben des andern, damit es auch mal läuft.“ Sondern: tragen. Ein bisschen Gewicht übernehmen. Das klingt plötzlich viel realistischer. Denn niemand kann alle Lasten dieser Welt schultern. Das Evangelium verlangt keine Heldinnen und Helden. Es verlangt Menschen, die sich füreinander interessieren.                                                                                                                                                                      Gebet:

Gebet für den Frieden (Hl. Franz von Assisi)
 

Herr, mach mich zu einem Werkzeug Deines Friedens,

dass ich liebe, wo man hasst;

dass ich verzeihe, wo man beleidigt;

dass ich verbinde, wo Streit ist;

dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;

dass ich Glauben bringe, wo Zweifel droht;

dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;

dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;

dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.

Herr, lass mich trachten,

nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;

nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;

nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.

Denn wer sich hingibt, der empfängt; wer sich selbst vergisst, der findet; wer verzeiht, dem wird verziehen; und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben.

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St. Johannis Königsdahlum