Freitags 5nach6 - Warum Religion

17. Juli 2026

475 5nach6 17.07.2026 Warum Religion 

Wie kommt es, dass wir hier sitzen? Sind Religionen, sind religiöse Bedürfnisse etwas, das in uns Menschen drinsteckt oder werden sie uns aufgedrückt, aufgezwungen? Nun, da werden die Konfirmanden/innen vielleicht ihre spezielle Meinung haben …

Der SEESENER BEOBACHTER berichtete am 07.07.26 über Funde von Faustkeilen an Flussläufen bei Lüneburg und Salzgitter – 70.000 Jahre alt. Flusstäler haben demnach für die frühzeitlichen Jäger eine wichtige Rolle gespielt.

Stellen wir uns eine Gruppe dieser Jäger – vielleicht 20 Personen oder etwas mehr - auf dem Gebiet von Königsdahlum vor. Das Nette-Tal hat natürlich viel mehr Wald als heute – reich an Wild, auch an Beeren und Kräutern. Ein guter Ort.

Waren diese Männer, Frauen und Kinder, Alte und Junge religiös? Schauen wir auf Erfahrungen, die sie gemacht haben könnten, auf Gedanken, die sie sich gemacht haben könnten.

Schauen wir auf Ayla, eine der Frauen, kundige Sammlerin von Kräutern und Beeren, geschickte Handwerkerin mit der Knochennadel …

Wenn sie morgens aufwacht staunt sie, dass da wieder das große Licht am Himmel ist, das sie wärmt. Auch für das kleinere Licht in der Nacht und die vielen ganz kleinen Lichter ist sie dankbar. Dankbar aber ist sie besonders für die Beeren und Kräuter, die am Flussufer wachsen, wo sie im seichten Wasser auch mal einen Fisch fangen kann. Was für eine Vielfalt! Und wie nahrhaft das alles ist!

Staunen und Dankbarkeit! Wo kommt das alles her? Wer hat das gemacht? Das kann kein Mensch gewesen sein! Das muss eine andere Macht gewesen sein, übermenschlich!

Wo eine Weide ihre Äste über den Fluss breitet, wo ein besonders alter Baum steht, wo – wie an den Bodensteiner Klippen – Felsen in besonderer Weise aufgetürmt sind, da legt Ayla bisweilen Blumen oder ein verziertes Stück Leder nieder – aus Dankbarkeit für diese Fülle.

Wir bekennen „Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erden“.

Zum Ende des Winters sind die Vorräte aufgebraucht und der Clan hungert. Eines Morgens liegt ihr jüngster Sohn Bror – gerade drei Sommer alt - neben Ayla und rührt sich nicht mehr. Sie ist untröstlich! Soll dieses kleine Leben schon zu Ende sein? Das kann nicht sein, das darf nicht sein!

Diese Macht, die das Leben ermöglicht dadurch, dass sie Kräuter, Nüsse, Beeren, Fisch und manchmal auch einen Hirsch schickt, dieser Macht will sie ihren toten Bror anvertrauen – für ein anderes Leben. Sie wickelt Bror in sein Lieblingsfell und legt ihn in eine flache Grube. Bevor sie Erde darauf schüttet, legt sie noch seinen kleinen Speer, die kleine Ledertasche zum Beerensammeln, den kleinen elfenbeinernen Bären und eine Handvoll Nüsse dazu – für den Anfang in dem anderen Leben.

Morgen wird sie zu den (Bodensteiner) Klippen gehen und einen Stein von dort holen, um ihn auf den Grabhügel zu legen. Dort wird sie auch einige Nüsse und Beeren ablegen und darum bitten, dass ihnen einige Hasen in die Fallen gegangen sind. Sonst wird die Zahl der Hungertoten in den nächsten Wochen steigen.

Wir bekennen: Ich glaube an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Wir bitten: Unser täglich Brot gib uns heute … und erlöse uns von dem Übel.  

Am nächsten Tag herrscht wieder große Aufregung. Aylas Nachbarin beklagt, dass jemand ihr letztes Dörrfleisch gestohlen hat. Eine Beobachtung kommt zur anderen – dann ist der Dieb überführt. Brun, der Clan-Chef, donnert ihn an: „Wenn wir uns gegenseitig die Lebensmittel wegnehmen, wird unser Clan zugrunde gehen!“ Wie zur Bestätigung ist plötzlich das Grollen eines Wintergewitters zu hören. „Ihr hört es!“, rief Brun, „das ist nicht nur meine persönliche Meinung, dahinter steckt mehr!“

Betroffen schweigend schleichen sich die Männer und Frauen in ihre Höhlenwinkel.

Wir bitten: Dein Wille geschehe – Gottes guter Wille für uns, wie er sich z.B. in den 10 Geboten ausdrückt.

Am Abend zieht der Clan zu den Klippen. Den Dieb führen sie gefesselt in ihrer Mitte. Die Bestohlene fordert: „Dieser Dieb wollte mir die Möglichkeit zum Leben nehmen. Hier soll er nun sein Leben verlieren!“ – „Nein“, rief Brun, „dann verlieren wir einen guten Jäger und Krieger! Wenn er irgendwann sein Leben verliert, dann wird schon dafür gesorgt werden, dass dieser Diebstahl gesühnt wird! Legt beide einen Stein auf diese Klippe und gebt euch die Hand!“

Wir bitten: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Den Menschen ist ihre eigene Unzier Grundfragenulänglichkeit bewusst. Der Soziologe Arnold Gehlen bezeichnet ihn als „Mängelwesen“. Aber dieses Mängelwesen kann über sich nachdenken. Der Philosoph I. Kant formuliert vier Grundfragen des Menschen:

Was kann ich wissen? Wo liegen Grenzen und Möglichkeiten unseres Verstandes?

Was soll ich tun? Welche Regeln gelten für richtiges, verantwortungsvolles Handeln?

Was darf ich hoffen? Was ist der Sinn des Lebens? Worauf kann ich mich glaubend verlassen? l

Was ist der Mensch? Wer bin ich? Was ist der Mensch in dieser Welt?

Inmitten seiner vielfach bedrohten Existenz wächst in dem solchermaßen denkenden, ja, sinnierenden Menschen die Sehnsucht nach etwas Größerem, nach einer Macht, die ihn bewahrt, ihm Geborgenheit und Beistand schenkt.

Warum diese Macht das tun sollte? Weil sie dem Menschen das Leben geschenkt hat und eine Umgebung, in der Leben möglich ist. Das denkt und glaubt der Mensch.

Die Vorstellung, dass mit dem Tod alles vorbei ist, lässt die Menschen verzweifeln. Wie tröstlich ist es, darauf zu hoffen, dass das Leben in anderer Form im Umfeld eben dieser Macht, die das Leben will, weitergehen kann.

Die denkenden Menschen erkennen, dass gelingendes Zusammenleben die Einhaltung bestimmter Regeln erfordert. Man kann sich darauf einigen – aber ob sich alle an diese Einigung halten? Unter Umständen ist es wirkungsvoller, wenn man sagen kann, dass diese Regeln von jener Macht kommen, die das Leben will!

Und diese Macht wird Regelverletzungen bestrafen – mit Krankheit oder anderem Unglück in diesem Leben oder eben nach dem Tod! Vielleicht vergibt sie aber auch die schuldhafte Regelverletzung.

Wenn Menschen diese Überzeugungen teilen, stärkt das zweifellos ihre Gemeinschaft und ihre – persönliche und gemeinschaftliche – Verbindung mit jener Macht!

Es werden sich bestimmte Rituale herausbilden, um Kontakt zu dieser Macht herzustellen, sie zu bitten, ihr zu danken …  

So stelle ich mir die Entstehung von Religionen – Mehrzahl – vor.

„Der Mensch ist unheilbar religiös.“ Dieser Satz stammt von dem polnischen Philosophen Leszek Kołakowski. Erfahrungen, die der Mensch macht, und die Gedanken, die er sich darüber macht, Sinn, den er sucht, führen zu religiösen Vorstellungen. Das müssen nicht unbedingt christliche Vorstellungen sein. Staunend stehe ich bisweilen vor den tatsächlich gebauten Bauwerken früherer Religionen (Pyramiden) und den „Gedankengebäuden“ früherer und aktueller Religionen.

Der Satz von der "Wiederkehr des Religiösen" (Jürgen Habermas spricht davon) beschreibt, dass Religion weltweit wieder an gesellschaftlicher und politischer Bedeutung gewinnt. Dies widerspricht der früheren Annahme, dass moderner Wohlstand Religion automatisch völlig verdrängt. Stattdessen verändern sich Glaubensformen.

Während traditionelle Großkirchen in Europa Mitglieder verlieren und die Säkularisierung – also die Trennung von Staat und Kirche – voranschreitet, entstehen neue, individuelle Formen des Glaubens. Dies zeigt sich etwa in der Verbreitung von Esoterik, Achtsamkeitspraktiken und freikirchlichen Bewegungen. Auf internationaler Ebene prägen religiöse Identitäten oft politische Konflikte und gesellschaftliche Debatten. Anstatt zu verschwinden, passt sich das Religiöse an unsere moderne Welt an.

Es scheint, als hätte Martin Luther schon etwas davon geahnt. Er schreibt in seinem „Großen Katechismus“ (im Jahr 1529): „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. Luther meinte damit: Was auch immer dir am wichtigsten ist, worauf du vertraust und wofür du alles andere aufgibst, ist in der Praxis dein Gott – egal, ob es der echte Gott, Geld, Erfolg oder Macht ist.

 

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St. Johannis Königsdahlum